Düren/Niederzier: Vom Glücksgefühl nach dem Mauerfall

Düren/Niederzier: Vom Glücksgefühl nach dem Mauerfall

Der Blick Kerstin Niblers schweift zurück, ihre Augen spiegeln schmerzliche Erinnerung wider. Es ist der 6. November 1989. Jetzt, im Foyer der Sparkasse Düren, am 6. November 2009, zeigt die Uhr 15.16 Uhr. Es sind 20 Jahre vergangen. Kerstin Nibler schaut auf die Uhr.

Sie spricht kaum hörbar: „Jetzt, vor 20 Jahren, standen wir im Niemandsland in der damaligen Tschechoslowakei Richtung Schirnding (Fichtelgebirge) in Bayern.” Hunderte von Trabis warteten auf ihre Abfertigung. Neben ihnen auf dem Bahngleis brauste ab und zu ein Zug vorbei. Menschen winkten mit weißen Taschentüchern. Sie alle fuhren gen Westen.

Kerstin Nibler, ihr Mann und ihre beiden Kinder waren nicht in der deutschen Botschaft in Prag gewesen, sondern sie hatten am 5. November spontan beschlossen, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Schon oft hatte man in der Familie über eine Ausreise in den Westen nachgedacht, doch die Furcht vor dem Ertapptwerden war groß, zumal die Kinder und die nächsten Verwandten eine Flucht hätten ausbaden müssen. Mit zwei Koffern fuhren sie dann Richtung tschechoslowakische Grenze, in ihrem 20 Jahre alten Trabi. Ein ungebetener Gast, die Angst, hatte sich im Fahrzeug breit gemacht. „Ich habe gezittert wie Espenlaub”, erinnert sich Kerstin Nibler, „als wir die Grenzer sahen, die jedes zweite Auto kontrollierten.”

Die Kinder schliefen auf dem Rücksitz, die Papiere waren in der Fahrertür versteckt. Kerstin Nibler und ihre Familie hatten Glück. Der Trabi wurde nicht gefilzt. Einige hundert Meter hinter der Grenze, schon auf tschechischem Boden, wurde ein Gläschen Sekt getrunken. Das Gefühl? „Glück, Glück und noch mal Glück”, drückt es die junge Frau aus. Der Übergang nach Deutschland war dann ohne Gefahr. In Bayern kamen Einheimische ans Auto, reichten Getränke und warme Decken für die Kinder, ein rührender Augenblick. „Ob diese Menschen das heute, nach 20 Jahren, wieder tun würden?” Kerstin Nibler weiß es nicht. Und dann am 9. November 1989, nach drei Tagen in Bayern, kam die überraschende Nachricht: Die Mauer ist gefallen. „Ich konnte es nicht glauben!”, sagt Kerstin Nibler, „erst Wochen später habe ich unser Glück realisieren können.”

Kerstin Nibler wohnt heute in Hambach. Sie sagt von sich, dass sie angekommen ist. Blick zurück im Zorn? Keineswegs, sie lebt mit ihrer Familie im Hier und Jetzt, das ist Glück genug.

Manuela Krist und Toska Neruda siedelten später über. Auch sie blicken nicht im Zorn zurück, die beiden Frauen, die einige Jahre später den Weg aus den unterschiedlichsten Motiven in die alten Länder gefunden haben.

Manuela Krist, wie ihre Kollegin Toska Neruda im Servicebereich der Wohnanlage Sophienhof in Niederzier tätig, kam erst 1993 mit ihrem Mann und zwei Kindern in den Westen, weil der Betrieb ihres Mannes aufgekauft und kurze Zeit später geschlossen wurde. „Wir sind aus wirtschaftlichen Gründen rübergekommen”, bekennt sie freimütig, „denn bei uns schlich sich durch unserer beider Arbeitslosigkeit die finanzielle Not ein.”

Die Montagsmärsche in Leipzig verfolgten sie mit wachsender Spannung, den Mauerfall aber verschliefen alle. Erst am nächsten Morgen forderte ihr Mann sie auf, den Fernseher einzuschalten.

Ein Trick der Regierung?

„Ich wollte das gar nicht glauben”, erinnert sich Frau Krist heute noch, „ich dachte, das wäre wieder so ein Trick, den die Regierung sich hat einfallen lassen!” Als sie aber endlich die Situation erkannte, stürmte auf sie eine Welle der verschiedensten Gefühle ein: Glück, Freude, endlich Freiheit. „Toll! Ab jetzt konnten wir überall hin fahren!”, ruft sie sich ins Gedächtnis zurück. 1993 sind sie dann in den Westen gezogen. Arbeitsplätze wurden gefunden. Jetzt fühlen sie sich wohl. „Doch in der DDR war nicht alles schlecht”, sagt Manuela Krist, „als Kinder waren wir rundum versorgt, vom Hort bis in die Schulzeit, alles kostenlos!” Erst als sie 14 Jahre alt wurde, kamen mit der Jugendweihe die ersten Einschränkungen. Ihre Kollegin Toska Neruda kann das nur bestätigen: „Als ich anfing zu denken”, sinniert sie, „durfte ich viele Gedanken nicht laut äußern, weil dann Sanktionen folgten.” Dem Vater von Manuela Krist wurde eine unvorsichtige Äußerung zum Verhängnis. Die Folge: 18 Monate Haft.

Die Familie musste derweil mit dem Geld auskommen, das liebe Verwandte oder Freunde zum Haushalt beitrugen. Diese Nachbarschaftshilfe, die Solidarität, das vermissen beide Frauen im Westen. „Aus Scheiße Bonbons machen, das war das Schönste!” An diesen Spruch ihres Vaters erinnert sich Toska Neruda, die erst 2007 der Liebe wegen in die alten Bundesländer kam, sehr gerne. Die Repressalien der DDR-Diktatur vergessen wollen die Beiden nicht. Aber dem Motto des Westens „Größer, weiter, höher, immer mehr, gepaart mit einem oft unmenschlichen Egoismus”, können und wollen sie nicht folgen.