Vlatten ist vom Gespenst eines Schlafdorfes noch sehr weit entfernt

Masterarbeit : Vom Schlafdorf ist Vlatten meilenweit entfernt

Nikolai Simon-Hallensleben hat für seine Masterarbeit den Ort Vlatten unter die Lupe genommen. Vereine und Treffpunkte sind wichtig, stellt er fest. Vom Gespenst eines Schlafdorfes sei man noch sehr weit entfernt.

In den ersten Monaten dieses Jahres ist Vlatten immer wieder von einem jungen Mann besucht worden: Nikolai Simon-Hallensleben (28) forschte im Dorf für das Geographische Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und seine 90-seitige Masterarbeit. Der Titel lässt aufhorchen: „Bürgerliches Engagement im Dorf – ein Beitrag zur Lebensqualität?“

Um diese Frage zu beantworten, war Simon-Hallensleben mit Hilfe des Regionalmanagements der „Leader-Region Eifel“ auf Vlatten gekommen. „Ein Grund, eben dieses Dorf auszuwählen, war für mich sicherlich die gut gestaltete Homepage, über die man sich vorab informieren konnte“, sagt er. „Und direkt im ersten Telefonat habe ich eine große Offenheit und Hilfsbereitschaft erfahren.“

Grundlage seiner Arbeit waren wissenschaftliche Erkenntnisse über die Dorfentwicklung bis zum 20. Jahrhundert unter den Vorzeichen der Mobilisierung, Digitalisierung und Globalisierung. Nur ein Beispiel: Noch vor 35 Jahren gab es Vlattener, die nie über die Dorfgrenzen hinaus gefahren sind. Um Näheres über das derzeitige Leben in Vlatten zu erfahren, führte Simon-Hallensleben Interviews mit auswärtigen Experten und mit Vlattener Bürgern: Auch Ortsvorsteherin Ingrid Müller und der Vorsitzende des Bürgervereins, Kurt Krüttgen, standen ihm Rede und Antwort.

Das Ergebnis der Dorfanalyse kann sich sehen lassen: Zwar muss Vlatten ebenso wie viele andere Dörfer einen leichten Rückgang an jungen Menschen verzeichnen, aber von dem Gespenst eines „Schlafdorfes“ ist es weit entfernt. Die Zahl der Gewerbebetriebe ist ebenso wie die Zahl der hauptberuflichen Landwirte vergleichsweise hoch und zeigt eine große Bandbreite. 72 Beschäftige wurden gezählt. Es gibt eine Kindertagesstätte, die Ganztagsbetreuung anbietet und viele Familien entlastet. Die Bevölkerung ist außerdem offen für Neubürger.

 Was das Dorfleben betrifft, zitiert Simon-Hallensleben Andrea Baier und ihren Aufsatz „Was Dörfer stark und lebendig macht“, in dem es heißt: „Vereine produzieren soziales Kapital“. Die sperrige Formulierung ist ganz einfach zu verstehen. Wenn ein Ort – wie Vlatten – viele Vereine vorweisen kann, ist er reich. Bei allen Interviews kam das Vereinsleben als Pluspunkt zur Geltung und unterstrich das Gefühl, in Vlatten herrsche eine gute Nachbarschaft. Dennoch wird nicht verschwiegen, dass es an Treffpunkten fehlt und da hat Simon-Hallensleben gleich einen Ratschlag parat: „Ich habe erlebt, dass eine Gaststätte in Eigenarbeit renoviert worden ist. Sie öffnet einmal wöchentlich und wird genossenschaftlich betrieben. Ich könnte mir vorstellen, dass so etwas auch in Vlatten funktionieren würde.“

 Auch die Tatsache, dass schon früh ein Bürgerverein gegründet worden ist, der es sich zur Aufgabe macht, die Dorfentwicklung voranzutreiben, wird positiv bewertet. So konnte der Verein trotz bürokratischer Hürden mit beantragten Fördermitteln Projekte umsetzen. Der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ wird zwar begrüßt, aber auch auf Schwachstellen untersucht.

„Eine Möglichkeit, dem Aussterben der Ortskerne zu begegnen, kann darin bestehen, die Leerstände zu beseitigen“, schreibt Simon-Hallensleben. „Es ist wichtig, die Dorfmitte wiederzubeleben, neue Treffpunkte zu schaffen, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich ehrenamtlich zu engagieren. Wenn etwas gemeinsam geschafft wird, kann dies eine Menge Spaß bringen und das dörfliche Gemeinschaftsgefühl stärken.“

Bleibt zu fragen, ob sich Nikolai Simon-Hallensleben selbst vorstellen könnte, in Vlatten zu leben. „Ich hatte insgesamt einen sehr positiven Eindruck“, sagt er. „Da ich ein geselliger Typ bin und mich in Vereinen sehr wohl fühle, könnte ich mir vorstellen, hier zu leben.“ Doch jetzt zieht der gebürtige Lüneburger erst einmal in den Harz, wo er seine erste Arbeitsstelle antritt, und einer kleinen Stadt helfen soll, sich weiterzuentwickeln und attraktiver zu werden.

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