Telemedizin: Videoübertragung vom Krankenbett

Telemedizin: Videoübertragung vom Krankenbett

Wer bei dem Begriff Telemedizin daran denkt, krank im Bett per Videokonferenz auf dem Laptop mit dem Hausarzt verbunden zu sein, der liegt nicht ganz falsch. So eine Situation fällt zwar auch unter den weiten Begriff, ist aber noch nicht im Alltag angekommen.

Eine ähnliche Form der Telemedizin ist jedoch in Düren schon gang und gäbe. Beispielsweise ein Blick ins Krankenhaus Düren zeigt, welche Rolle die digitale Kommunikation dort spielt, und mit der Genossenschaft Duria ist Düren auch bei der Entwicklung neuer Ideen vorne mit dabei.

Auf der Intensivstation des Dürener Krankenhauses ist der Livestream vom Krankenbett aus schon Alltag. Bei der täglichen telemedizinischen Visite schiebt Oberarzt Olaf Schroeder einen Wagen mit Bildschirm und Kamera in die Krankenzimmer. Auf dem Bildschirm sind zwei Kollegen der Uniklinik Aachen zu sehen, die ihrerseits live den Patienten in Düren sehen und bis zu seiner Pupille heranzoomen können — hochauflösend. Auf Basis der aktuellen Laborwerte besprechen dann die Mediziner in Düren und Aachen gemeinsam die Behandlung.

Dies sei die ideale Lösung, um eine zweite Meinung einzuholen, sagt Chefarzt Prof. Dr. Stefan Schröder, der hofft, dass mit dem dreijährigen Projekt die Telemedizin salonfähig wird und anschließend dafür Gelder fließen. Schröder erinnert sich an einen Notfallpatienten mit Blutung im Kopf, dem ein Neurochirurg zugeschaltet wurde, um zu klären, ob ein Transport nach Aachen die richtige Entscheidung wäre. „Die Patienten und Angehörigen nehmen es als angenehm war, dass sie hier bleiben können, aber den Kontakt zum Maximalversorger haben.“

Den kurzen Draht zum Spezialisten per Videokamera zu schaffen, wird in Düren auch für medizinische Versorgungszentren diskutiert, um die Expertise der Fachleute aufs Land zu holen. Aber auch dabei ist die Rede von einer ergänzenden Meinung. Das Szenario des kranken Patienten, der einzig per Computer Kontakt zum Arzt hat, ist im Kreis Düren noch nicht absehbar.

Um eine andere Art der Digitalisierung in der Medizin dreht sich das Geschäft der Genossenschaft Duria. Deren Hauptprodukt ist ein gleichnamiges Arztinformationssystem, mit dem alle Daten in einer Praxis verarbeitet werden können. Vorstandsvorsitzender ist Dr. Erich Gehlen. Wenn der Informatiker erzählt, woran er arbeitet, dann sprudelt er vor Begeisterung, kann aber eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen. Ihm mahlen die Mühlen in der Branche zu langsam.

Erich Gehlen ist der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft Duria. Ihm malen die Mühlen in der Branche zu langsam Foto: wel

Von 2009 bis 2013 entwickelte die Duria im Rahmen eines EU-geförderten Projektes ein Verfahren, um Arztbriefe auf elektronischem, gesichertem Wege zu versenden. „Das ist das einzige Netz, das 8000 bis 12.000 Arztbriefe pro Monat verschickt“, sagt er. „Das ist eigentlich ein Trauerspiel. Weiter sind wir in Deutschland noch nicht“, ergänzt er und denkt dabei zum Beispiel an das elektronische Rezept und die elektronische Fallakte.

Die Bundesrepublik liege hinter anderen Industrieländern weit zurück. „In den Praxen wird heute noch viel mehr gefaxt als über sichere elektronische Leitungen verschickt“, erzählt Gehlen. Übel nehmen kann er das den Ärzten aber nicht. „Für einen Befundbrief per Fax an einen Allgemeinmediziner bekommt ein Facharzt 55 Cent über die Abrechnung mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Wird der gleiche Brief elektronisch übermittelt, bekommt er nur 28 Cent. Klar, dass die Ärzte dann faxen.“

Gehlen fehlt in der Medizin eine digitale Gesamtstrategie für Deutschland. Manchmal sei das System hinderlich, manchmal aber auch die Scheu der Ärzte. Bei jeder neuen Technik oder Software brauche es Menschen, die dafür offen sind — so wie in Düren. Hier herrschen laut Gehlen paradiesische Zustände, weil die Leistungsträger gut miteinander kommunizieren. Hier läuft beispielsweise seit drei Monaten ein Projekt: Erhält ein Patient eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, so kann die Praxis nach Zustimmung des Patienten den Durchschlag direkt elektronisch an die Krankenkasse versenden. Gehlen: „Warum fangen wir nicht mit so kleinen Sachen an? Das kommt super bei den Patienten an, aber das Bewusstsein für derart einfache Möglichkeiten muss erst geschaffen werden.“

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