Vettweißer Podiumsdiskussion über Nitratbelastung im Grundwasser

Vettweißer Podiumsdiskussion über Nitratbelastung : Der Musterschüler vergisst die Hausaufgaben

Rund 100 besetzte Stühle und vor allem angeregte Diskussionen in der Vettweißer Bürgerbegegnungsstätte zeigten deutlich: Das Thema der Podiumsdiskussion am Mittwochabend war nicht nur ein relevantes, sondern auch ein polarisierendes. Nitrat im Grundwasser.

Mit der Frage „Was können wir tun?“ hatte die örtliche SPD mehrere Diskussionsteilnehmer eingeladen: Dr. Nils Cremer vom Erftverband, Monika Raschke vom BUND als Mitglied im Landesarbeitskreis Wasser, Erich Gussen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Düren, Dr. Bernhard Schaefer und Dr. Michaela Schmitz vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie den SPD-Bundestagsabgeordneten Dietmar Nietan. Zwischen deren Vorträgen zum Thema ging das Mikrofon immer wieder ins Publikum, so dass die Vettweißer Stellung nehmen oder Fragen loswerden konnten.

Die Fragen aus dem Publikum waren dabei genau so unterschiedlich wie das Vorwissen und die Einstellungen der Bürger. Einige blieben konstruktiv, andere wurden emotional, manche gingen stark ins Fachliche oder wollten Grundsätzliches geklärt wissen. „Was genau ist eigentlich Nitrat und ab wann ist es schädlich?“ und „Was muss denn jetzt geschehen?“ sind gleichermaßen Fragen, die nicht leicht und nicht in wenigen Sätzen zu beantworten sind.

Auf letztere Frage gab es mehrere Ansätze, auf die die Fachleute eingingen. Erich Gussen von der Kreisbauernschaft forderte unter anderem die Unterstützung von neuen Technologien, eine dauerhafte Förderung des Zwischenfruchtanbaus und einen Ausbau der Wasserkooperationen. Dr. Michaela Schmitz vom BDEW rief die Bundesregierung und die Europäische Kommission auf, in belasteten Gebieten einen sofortigen Dünge-Stopp zu verhängen. Sie verlangt eine Eindämmung der Gülle-Importe und eine Agrarwende – soll heißen: eine Umschichtung der Milliarden-Subventionen von großindustriellen Agrarbetrieben hin zu einer umweltverträglichen Bewirtschaftung.

Seine politische Einschätzung der Situation begann Dietmar Nietan mit einem Statement, dass ihm lauten Applaus einbrachte: „Wir erleben hier eine hitzige Debatte, weil wir in der Politik unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben.“ Deutschland halte sich bei vielen Themen innerhalb der EU für den Musterschüler, habe aber die zweithöchste Nitratbelastung innerhalb der Union. Scharf kritisierte er die „nicht erträgliche Ignoranz mancher Funktionäre im Bauernverband und dem Landwirtschaftsministerium, die ihre eigene Politik machen“. Aber auch die Vettweißer CDU bekam ihr Fett weg: Weil die Christdemokraten sich beim Thema Nitrat nicht einer Resolution von SPD und Grünen angeschlossen, sondern eine eigene – in Nietans Augen schlechtere – verfasst hätten, attestierte er der CDU „mit ihrer absoluten Mehrheit eine Bunkermentalität wie im Landwirtschaftsministerium“.

Neue Erkenntnisse, meldete sich ein Bürger am Ende der Veranstaltung zu Wort, habe es nicht gegeben. Für ihn stand fest: „Wenn in Düsseldorf und Berlin nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen gesetzt werden, können wir in Vettweiß noch so viele Resolutionen verabschieden.“

Trotzdem hat der Abend gezeigt, dass es bei dem Thema auch vor Ort noch viel Gesprächsbedarf gibt. Denn nicht selten sahen sich die zahlreich vertretenen Landwirte Vorwürfen gegenüber. Die Forderung eines Bürgers, es sollten nachts mehr Kontrollen durchgeführt werden, weil die Bauern dann Substanzen auf die Felder aufbrächten, sorgte bei den einen für bekräftigendes Kopfnicken, bei den anderen für Empörung. Gussen erklärte daraufhin, dass sich die Anschaffung moderner Maschinen teilweise nur lohne, wenn sie betriebsübergreifend im 24-Stunden-Betrieb genutzt würden. Außerdem sei es beispielsweise effektiver, ein Pflanzenschutzmittel in den Abendstunden einzusetzen. Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten sorgten dafür, dass ein Bürger sogar von „zwei unversöhnlichen Fronten“ sprach, die an diesem Abend spürbar geworden seien.

Einen der letzten Redebeiträge des Abends nutzte deshalb eine Bürgerin für einen Appell: „Wir müssen miteinander reden.“ Daran, dass viele Landwirte da seien, könne man sehen, dass das Nitrat-Problem ihnen bewusst sei. Sie rief die Bürger dazu auf, offen auf die Landwirte zuzugehen. „Man kann einfach mal nachfragen, wenn man einen Landwirt auf dem Feld sieht, und ins Gespräch kommen.“

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