Vossenack: Varieté Olymp: Carpaccio vom entzauberten Illussionisten

Vossenack: Varieté Olymp: Carpaccio vom entzauberten Illussionisten

Diese Nummer hatte sich der Illusionist Magnus Nada anders vorgestellt. Jedenfalls war es nicht geplant, auf der Bühne des „Varieté Olymp“ unzauberhaft zu Carpaccio verarbeitet zu werden. „Ich habe ihn zersägt, wie immer!“, beteuerte die Assistentin und Geliebte, doch dieses Mal hatte der Trick seine Tücken. Und selbst dem zynischen Direktor Anton Zwetschke fiel es schwer, aus dieser Situation wie gewohnt Kapital zu schlagen.

„Das war’s. Ich hoffe, Sie hatten genauso viel Vergnügen wie wir“, rief er dem Publikum in der Aula des Franziskus-Gymnasiums zu. Was an einem stürmischen Morgen, an dem das Kleid eines toten Mädchens ans Ufer des Meeres gespült wurde, begann, fand auf der Bühne ein blutiges Ende. Ein Mord wurde gerächt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Vorhang allerdings fiel nicht.

Traue nie dem, was Du siehst! Erst recht nicht, wenn die Geschichte im Varieté spielt. Das lernten die Zuschauer des Hohenloher Figurentheaters beim „Herbst-Speci-Spectacel“ des Marionettentheaters „De Stripkkes Trekker“ schnell. Johanna und Harald Sperlich ließen in ihrem neuen Stück tief hinter die Kulisse des Lebens und in die Psyche der Menschen blicken. „Varieté Olymp“ ist eine Liebesgeschichte, aber auch Drama und Krimi zugleich. Nichts ist in dieser Welt so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das gilt besonders für Menschen, die hinter den grellen Masken geschminkter Heiterkeit oft Dunkles verbergen. Wehe dem, der hinter die Kulissen schaut. Dorthin, wo das Bühnenlicht nur Schatten wirft.

Es war die vierte Aufführung des Stücks, etwas Nervosität begleitete Johanna und Harald Sperlich schon. Doch die Geschichte, die sie mit den an Fäden hängenden Hauptdarstellern sponnen, schlug die Zuschauer in ihren Bann. Immer schriller wurde das Geschehen, immer dichter die Atmosphäre. Zwischen Tod und Liebe, Irrsinn und Vernunft der sich entwickelnden Handlung spielten auch die Marionetten selbst eine Hauptrolle. Es war beispielsweise verblüffend, einen am seidenen Faden hängenden Fakir einen Kopfstand auf dem Nagelbrett machen zu sehen. Die Tricks waren aber kein Selbstzweck, denn Liebesgeschichte, Drama und Krimi mussten schließlich während des laufenden Varieté-Programms erzählt werden.

Angesichts der Entwicklungen war es nicht verwunderlich, dass gerade ein tierisches Ensemblemitglied die Rolle der Menschlichkeit übernahm. Hirtenhund Herbert Grunz, der Zeuge der ersten Morde im Varieté wurde, hatte eine Botschaft. Er konnte sogar sprechen. Doch zuhören mochte ihm keiner. Seine Frage „Warum fragst Du nach dem Anfang, wenn es Dich vor dem Ende graut?“ an Zwetschke verhallte. Es war an den Zuschauern, die Mosaiksteine zusammenzufügen. Herauskam ein schillerndes Bild, das viel Platz für Interpretation bot. Und eine Gewissheit: Nichts ist, wie es scheint.

Die Zuschauer kamen in Vossenack noch in den Genuss einer anderen Vorführung: Anke Scholz, Vorsitzende des Verbandes Deutscher Puppentheater, und ihr Stellvertreter Matthias Träger überreichten Bruder Wolfgang Mauritz ofm in einer kurzweiligen Zeremonie den Preis des Verbandes, die „Spielende Hand“. Bruder Wolfgang, der Gründer des Vossenacker Marionettentheaters und Initiator des Kloster-Kultur-Kellers ist, habe sich die Verbreitung und Fortentwicklung der Kunstform Figurentheater verdient gemacht. „Dieses Jahr wollten wir den Preis an einen Franziskaner verleihen, das hatten wir noch nicht“, scherzte Anke Scholz.

Dabei seien Franziskaner per se ideale Kandidaten: „Franz von Assisi sprach mit Tieren und Vögeln. Wie kommt man anders zum Puppenspiel?“, fragte Anke Scholz augenzwinkernd. Um ganz im Ernst: „Wolfgang Mauritz ist in seinem Leben an allen Weggabelungen in Richtung Kunst abgebogen.“ Sein Einsatz für das Puppentheater habe die Zahl der Interessierten stetig gesteigert. „Mit der Anerkennung werden alle mitgeehrt“, dankte der Franziskaner allen Helfern und Ensemblemitgliedern. „Ohne Euch hätte nichts funktioniert.“

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