Kreuzau: Unterricht in 70 Minuten ist die beste Lösung

Kreuzau: Unterricht in 70 Minuten ist die beste Lösung

Eltern und Schüler des Kreuzauer Gymnasiums liegen auf einer Wellenlänge, die Lehrer nicht. Stichwort: die 70-Minuten-Unterrichtsstunde. Eltern und Schüler sind nach einem Schuljahr 100-prozentig von dem Modell überzeugt, in der Lehrerschaft gibt es noch Anhänger der 45-minütigen Taktes.

20 Prozent der Pädagogen sprachen sich kürzlich in geheimer Abstimmung gegen die längere Unterrichtseinheit aus. Doch ihre Ablehnung hat keinen Einfluss: Auch im Schuljahr 2011/2012 dauert eine Unterrichtsstunde am Kreuzauer Gymnasium 70 Minuten.

Und das freut den Schulleiter. Wolfgang Röther: „Es ist schon bemerkenswert, welche Ruhe in den Schulalltag eingezogen ist. Lehrer und Schüler wechseln weniger die Klassen, die hektische Betriebsamkeit ist geringer.” Und diese Ruhe wirkt sich auf den Unterricht aus: „Die Qualität ist besser geworden.” Aus dem Versuch wird nun die Regel. Das freut auch Julia Lorenz: „Anfangs habe ich dem neuen Modell doch eher etwas skeptisch gegenüber gestanden, aber weil wir alle Vor- und Nachteile intensiv diskutiert hatten, stand ich diesem Modell sehr offen gegenüber. Und ich bin froh: Alle unseren positiven Erwartungen haben sich im zum Ende gehenden Schuljahr bestätigt”, sagt die 17-jährige Sprecherin der rund 850 Schüler.

Seit 2008 beschäftigt sich Wolfgang Röther mit den unterschiedlichen Konzepten zur Gestaltung des Schulunterrichtes. Vor dem Hintergrund des G8-Abiturs - Hochschulreife nach acht statt neun Jahren - stellte sich das Problem, die gleiche Menge Stoff in kürzerer Zeit den Schülern zu vermitteln. Doch mit welchem Konzept? Röther prüfte das Modell der 60-minütigen Unterrichtsstunde oder auch das des 90-minütigen Ansatzes.

Ergebnis: Die Unterrichtsstunde, die 70 Minuten dauert, ist die beste Lösung. Die Vorteile, die Röther vor einem Jahr sah - weniger Nachmittagsunterricht, mehr Unterrichtsvolumen in den vier Blöcken bis zur Mittagspause als in sechs 45-Minuten-Stunden -, haben sich in der Praxis nicht in Nachteile gewandelt.

Gewandelt hat sich aber in vielen Fächern die Form des Unterrichtes: Der Frontalunterricht ist seltener geworden. Beispielsweise im Mathematikunterricht: In 70 Minuten entwickeln die Schüler eben mit ihrem Lehrer beim Thema Raumdiagonale nach dem problemorientierten lebensnahen Einstieg selbst Lösungen, stellen sie vor, zeigen die unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten auf. Wolfgang Röther: „Der Lerneffekt ist größer.”

Groß war aber auch der Aufwand, das 70-Minuten-Modell einzuführen: „Der organisatorische Aspekt ist nicht zu verachten, da alles auf der 45-Minuten-Unterrichtsstunde beruht”, sagte Röther. Von der Stundentafel über die Mehrarbeitsabrechnung für die Lehrer bis zur Klassenarbeit mussten viele Begebenheiten auf den Prüfstand. Apropos Klassenarbeit: Schüler, die 45-minütige Arbeiten schreiben, sind während der 70 Minuten nun besser dran: „Sie können ohne Zeitdruck in das Thema einsteigen und es bearbeiten.” Dies ist in der Kunst nicht unbedingt möglich: „Die Lehrer favorisieren eher die 90-minütige Doppelstunde”, weiß Röther. Der Grund: In 90 Minuten können die Pädagogen die Schüler besser vor- und nachbereiten als eben in nur 70 Minuten.

Dennoch: Schon im November zeichnete sich bei der ersten anonymen Schüler- und Elternbefragung eine Fortsetzung des Modellversuches über das Schuljahr 2010/2011 hinaus ab. Der Abstimmungsreigen zum Ende des Schuljahres bestätigte die Prognose. Und möglicherweise wird auch an anderen Schulen in Kreis Düren und seinen Nachbarkreisen der 70-Minuten-Unterricht eingeführt. Interessierten Pädagogen aus dem Kreis Düren und der Stadt Aachen hat Wolfgang Röther während einer Informationsveranstaltung das Kreuzauer Modell erläutert. Nun stellt sich die Frage: Macht es weiter Schule?

Julia Lorenz ist davon überzeugt: „Mit den vier Schulstunden ist es das beste Modell. Wir Schüler haben viele Möglichkeiten, uns in den Unterricht einzubringen. Meine Mitschüler und ich sind hundertprozentig von dem 70-Minuten-Modell überzeugt.” Und das nicht nur, weil es Nachmittags weniger Unterricht gibt.

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