Düren: Umstrittenes Familienpapier: „Kirche muss in der Lebenswirklichkeit ankommen“

Düren: Umstrittenes Familienpapier: „Kirche muss in der Lebenswirklichkeit ankommen“

Pfarrer Erhard Reschke-Rank kann den Streit über das Familienpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nicht nachvollziehen. „Ich finde es hervorragend“, sagt der Pfarrer der Evangelischen Gemeinde zu Düren mit Blick auf die Synode in Düsseldorf. Auch dort wird kräftig debattiert. Kritiker monieren, dass die EKD mit einer stärkeren Unterstützung anderer Formen des Zusammenlebens, wie alleinerziehenden Eltern, Patchworkfamilien oder gleichgeschlechtlichen Partnern, die traditionelle Ehe abwerte.

„Die Lebenswirklichkeit vieler Menschen verändert sich“, bilanziert hingegen Reschke-Rank. „Und Kirche muss in der Lebenswirklichkeit ankommen.“

Auch Partnerschaften und Formen des Zusammenlebens abseits der traditionellen „Mutter-Vater-Kind-Konstellation“ stehen für ihn für „das gleiche Maß an Verbindlichkeit“ in einer Beziehung. „Wenn Liebe ehrlich gemeint ist, steht sie unter dem Segen Gottes“, ist Reschke-Rank überzeugt. Es sei richtig, dass es bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zum Teil in der Evangelischen Kirche Vorbehalte gibt, auch von katholischer und evangelikaler Seite.

Es stimme auch, dass „in der Bibel schlimme Sätze über Homosexualität stehen, die sich auf durch Gewalt geprägte Handlungen beziehen“, sagt er. Doch aus theologischer Sicht könne der Text der Bibel nicht eins zu eins übernommen werden. So wie sich das gesellschaftliche Umfeld wandle, müsse auch die Deutung der Schrift ständig überprüft werden, sich die Kirche stets aufs Neue reformieren.

„Die Rolle der Familie in der Gesellschaft hat sich gewandelt“, sagt auch Pfarrer Dr. Dirk Christian Siedler. Das Familienpapier schließe diese Lücke. „In den Kitas, Familienbildungsstätten und Offenen Ganztagsschulen sind wir täglich von diesen Veränderungen betroffen“, sagt Siedler. Aufgabe der Kirche müsse es sein, für die vielfältigen familiären Situationen Zuspruch und Unterstützung bereitzuhalten.

„Wir müssen die vielfältigen Lebensformen wahrnehmen und unsere Praxis überarbeiten“, formuliert es Erhard Reschke-Rank. Kirche dürfe durch ihr Reden und Handeln nicht dazu beitragen, dass sich beispielsweise Alleinerziehende unvollkommen oder außen vor fühlten. Der Theologieausschuss der Gemeinde werde sich mit dem Papier beschäftigten, im kommenden Jahr soll es im theologischen Forum diskutiert werden.

„Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe ohnehin nicht heilig, sondern - wie Martin Luther gesagt hat - ein ‚weltlich Ding‘“, unterstützt Pfarrerin Karin Heucher das Papier. Wichtig sei, dass Menschen verlässlich füreinander Verantwortung übernehmen und Sorge füreinander und zwischen den Generationen tragen. „In den 1990er Jahren hat sich deshalb unsere Gemeinde sehr dafür eingesetzt, dass auch homosexuell liebende Paare gesegnet werden können“, unterstreicht Karin Heucher. Sie fordert eine breite öffentliche Diskussion darüber, wie das verantwortliche Zusammenleben von Menschen gestärkt werden kann.