Morschenich: Tagebau verschluckt das Bergwerk

Morschenich: Tagebau verschluckt das Bergwerk

Mit ihren gigantischen Schaufelrädern entreißen die Bagger im Tagebau Hambach heutzutage rund 200.000 Tonnen Braunkohle täglich dem Erdreich. Für die Bergleute der ersten Stunde, die Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts von Morschenich aus versuchten, das rund 70 Meter mächtige Hauptflöz unter dem früheren Bürgewald untertage in der Tiefbaugrube „Union 103” abzubauen, eine schier unvorstellbare Menge.

1951 förderten sie pro Schicht gerade einmal 60 bis 100 Tonnen des braunen Goldes aus mehr als 330 Metern Tiefe ans Tageslicht, durchschnittlich rund 200 Tonnen täglich oder 0,1 Prozent der stählernen Giganten der Gegenwart.

Zwei Welten des Braunkohleabbaus, die 2011/2012 noch einmal aufeinanderprallen. Dann werden die Schaufelradbagger im Tagebau Hambach zeitlich versetzt die Überreste des einst größten unterirdischen Braunkohlebergwerks der Welt erreichen, das freilich nie über den Status einer Versuchsanlage hinausgekommen ist.

Zuerst nähert sich ein Schaufelradbagger auf der ersten Abraumsohle des Tagebaus den früheren Tagesanlagen des Bergwerks nahe Morschenich mit seinen zwei 330 Meter tief ins Erdreich reichenden Schächten, kurze Zeit später stößt ein anderer stählerner Koloss einige hundert Meter tiefer und rund vier Kilometer entfernt auf die Anfänge der in nördlicher Richtung vorangetriebenen Stollen, dem sogenannten Streckennetz, erklärt Ralf Hempel, Leiter des Stabs im Tagebau Hambach, der sich seit Jahren intensiv mit dem Rückbau beschäftigt. „Für uns als Bergleute ist das natürlich sehr spannend.”

Böse Überraschungen aber erwartet der Diplom-Ingenieur nicht. Nach einer Kamerabefahrung sind die Experten von einem stabilen Zustand der beiden Schächte überzeugt, die 1960 geflutet und nach dem Abriss der Aufbauten durch Stahlplatten verschlossen wurden. Und auch die mit Schalbeton und Herzbruch-Betonformsteinen ausgebauten Strecken befinden sich nach Untersuchungen eines Dresdner Ingenieurbüros in einem so guten Zustand, dass sich die hunderte Tonnen schweren Schaufelradbagger ihnen problemlos von oben bis auf fünf Meter nähern können, ohne dass sie Gefahr laufen, einzubrechen. „Schlimmstenfalls könnte ein Kettenfahrwerk einsacken”, erklärt Hempel, „die Gerätesicherheit aber ist nicht gefährdet”. Den Rest sollen dann Fremdunternehmen übernehmen. Die Auftrag werden im Herbst ausgeschrieben.

Und es wartet einiges inmitten des Kohlenflözes. Allein im rund elf Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Streckensystem rechnen die Experten mit rund 23.000 Tonnen Beton, rund 915 Tonnen Stahl und 1100 Tonnen Grubenholz, die sukzessive mit dem fortschreitenden Tagebaubetrieb entsorgt werden müssen.

Dazu kommen rund 20.000 Tonnen Beton für die beiden Schächte, die nicht - wie ursprünglich angedacht - freilegt und dann umgestürzt, sondern scheibchenweise abgebrochen werden sollen, 2400 Tonnen Stahl und knapp 5000 Tonnen Grauguss.

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