Hoven: Täglich auf der Suche nach Blindgängern

Hoven : Täglich auf der Suche nach Blindgängern

Auch 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kann in der Region keine Straße und kein Windrad gebaut, kein Bau- oder Gewerbegebiet ausgewiesen werden, ohne eine gründliche Kampfmittelsondierung und -räumung im Vorfeld.

Dann kommen Experten wie die in Düren-Hoven beheimatete Firma P-H-Röhll ins Spiel, die untersuchen, ob sich noch gefährliche Weltkriegsrelikte im Boden befinden — von Patronen über Granaten und Minen bis zur zentnerschweren Fliegerbombe. „Vor dem Bau der Wehebachtalsperre haben wir Mitte der 70er Jahre ein Gebiet von 177 Hektar abgesucht und 1588 Kampfmittel mit einem Gesamtgewicht von 4,4 Tonnen gefunden“, gibt Röhll-Geschäftsführer Jürgen Plum den Teilnehmern der Abo-plus-Tour ein anschauliches Beispiel aus der Geschichte der 1946 in Berlin gegründeten Firma, deren NRW-Geschäft er mit seinem Partner Hans-Michael Hobrack nach der Insolvenz im Jahr 2003 übernommen hat.

Foto: Abels. Foto: Abels

Drei Stunden lang geben die beiden Geschäftsführer am Firmenstammsitz Hoven einen detaillierten Einblick in die verschiedenen Suchmethoden, die eines gemeinsam haben: Sie spüren Eisen im Erdreich auf, indem sie Abweichungen vom natürlichen Magnetfeld der Erde registrieren.

Röhll-Geschäftsführer Jürgen Plum (l.)) demonstriert die Handhabung einer Messsonde, wie sie im Keller der Firma reihenweise auf ihren Einsatz warten, um verschiedenste Munitionsreste aufzuspüren. Bei der Suche nach Blindgängern kommen Bohrbagger (r.) zum Einsatz. Foto: Abels

In Bereichen, die nicht zu ausgewiesenen Bombenabwurf­gebieten zählen, wird in der Regel nur konventionell an der Oberfläche sondiert, wobei die Sonden gut zwei Meter tief in den Boden „schauen“ können, erklären Plum und Hobrack. Kleinere Parzellen werden per Hand, größere mit fahrbaren Messgeräten untersucht, die die Firma Röhll selbst entwickelt hat. Es gibt handgezogene, mit denen 5000 Quadratmeter am Tag abgedeckt werden können, und eines, das an einen Traktor angehängt werden kann, das bis zu fünf Hektar am Tag schafft.

Röhll-Geschäftsführer Jürgen Plum (l.)) demonstriert die Handhabung einer Messsonde, wie sie im Keller der Firma reihenweise auf ihren Einsatz warten, um verschiedenste Munitionsreste aufzuspüren. Bei der Suche nach Blindgängern kommen Bohrbagger (r.) zum Einsatz. Foto: Abels

Unterstützt von der GPS-Satellitennavigation entstehen so detaillierte, farbige Bilder, auf denen Experten erkennen, ob sich Bomben im Erdreich befinden. Zuletzt auf einem Feld bei Derichsweiler waren es über 300 Verdachtspunkte. Nur zwei entpuppten sich als Bombenblindgänger, bei vielen wurde Kleinmunition gefunden, aber auch eine Menge Metallschrott. Von dem holte die Firma Röhll in den 70ern im Bereich der Wehebachtalsperre allein rund 30 Tonnen aus der Erde.

Blindgänger aufspühren

Um tiefer liegende Blindgänger aufzuspüren, Bomben, die aufgrund ihrer Abwurfhöhe bis zu sieben, acht Meter ins Erdreich eingedrungen sein können, wertet der staatliche Kampfmittelbeseitigungsdienst bei den Bezirksregierungen Düsseldorf und Arnsberg auch Luftbildaufnahmen der Alliierten aus. Auf denen sind Lauf- und Panzergräben, Bombentrichter, aber eben auch Blindgängereinschlagstellen zu erkennen. „Wir bekommen dann den Auftrag, die Blindgängerverdachtsstellen zu untersuchen“, erklärt Jürgen Plum.

Für diesen Zweck verfügt die Firma Röhll über Bagger, die nicht mit einer Schaufel, sondern mit einem Bohrgerät ausgestattet sind. Beginnend mit der Trichterstelle bohren die Kampfmittelräumer an mindestens 37 Stellen sieben Meter tief in die Erde, um die Lage des Blindgängers mit Hilfe von Sonden exakt zu bestimmen. „Ausgehend vom Geländeniveau bei Kriegsende“, erklärt Plum. „Sind im Laufe der Jahrzehnte Ablagerungen dazu gekommen, müssen wir natürlich tiefer bohren.“

In jedes mit Kunststoffrohren ausgekleidete Bohrloch wird eine Sonde eingebracht, deren Messergebnisse mit Hilfe eines Computerprogramms das exakte Lagebild der Bombe ergeben. Bis auf einen halben Meter nähert sich der Räumtrupp dem Blindgänger dann mit dem Bagger, der Rest erfolgt in Handarbeit.

„Wir orten die Blindgänger, legen sie frei und verständigen dann den Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes, der für die Entschärfung zuständig ist“, betont Plum. „Wir könnten das zwar auch, verfügen über das Know-how, die Entschärfung aber ist in Deutschland eine hoheitliche Aufgabe.“ Und das Land ist es auch, dass in den meisten Fällen die Kosten der Sondierung und Entschärfung übernimmt.

Die Firma Röhll mit ihren 80 Mitarbeitern ist eine von rund 40 Kampfmittelräumern in Deutschland. Sie ist in ganz NRW tätig, teilweise in Rheinland-Pfalz, Hessen, dem Saarland und in Niedersachsen. „Wir sind zum Beispiel für die Blindgängerverdachtsfälle in Dortmund, Bochum, Hagen und Hamm zuständig“, erklärt Jürgen Plum. „Dort finden wir jede Woche mindestens eine Bombe.“

Dass ihnen einmal die Arbeit ausgehen wird, glauben die Röhll-Geschäftsführer nicht. Die Insolvenz 2003 war Fehlern des damaligen Managements geschuldet.

„15 bis 20 Prozent aller abgeworfener Bomben waren Blindgänger“, weiß Hans-Michael Hobrack. Und längst sind noch nicht alle gefunden; ganz zu schweigen von den Munitionsresten, die sich noch im Boden von Hauptkampfgebieten wie dem Hürtgenwald befinden.

Mehr von Aachener Zeitung