Sylvie Schenk liest am Stift aus "Eine gewöhnliche Familie"

Lesung mit Sylvie Schenk : „Eine gewöhnliche Familie“

Autorin Slyvie Schenk hat aus ihrem Roman „Eine gewöhnliche Familie“ im Stiftischen Gymnasium in Düren vorgelesen.

Bei einem Streit ums Familien-Erbe geht es nur vordergründig um Geld. Eigentlich geht es um Gefühle. Nicht Materielles, sondern Emotionales wird als ungerecht verteilt erlebt. Nicht anders ergeht es den Protagonisten aus Sylvie Schenks Roman. Die Familie Cardin ist, wie schon der Titel des Buches verrät, „eine gewöhnliche Familie“. Tante Tamara und Onkel Simon sind verstorben. Jetzt streiten sich Nichten und Neffen um das beträchtliche Erbe.

Die Autorin las am Dienstagabend im Stiftischen Gymnasium einige Passagen dieser Geschichte, die wie ein Kammerspiel aufgebaut ist: Eine überschaubare Anzahl von Figuren trifft aufeinander, die Handlung findet an einem einzigen Tag – dem der Beerdigung von Onkel und Tante – statt und besteht im Wesentlichen aus Beobachtungen der Hauptfigur Céline über Gegenwart und Vergangenheit ihrer Familienmitglieder. Céline seziert die Situation der Einzelnen und kleidet sie in Worte. Wie auch in ihrem Beruf als Übersetzerin, will sie versuchen, möglichst nah am Original zu bleiben, ohne durch ihre Interpretation zu verfälschen und dabei abzumildern oder zu verschlimmern.

So beschreibt Céline ihre Schwester Pauline aus mehreren Blickwinkeln. In der Fremdwahrnehmung hat Pauline Onkel Simon und Tante Tamara vielleicht auf der Suche nach Wertschätzung und finanzieller Belohnung gepflegt. In ihrer eigenen Wahrnehmung hat sie aus Liebe gehandelt und allen anderen einen Gefallen getan. „Ja, so muss man es sehen“, urteilt Céline schließlich. Sie hat selbstlos gehandelt. Was sie denkt ist richtig. Was Pauline fühlt ist richtig. Alles ist wahr. Nichts ist wahr.“

Céline hat früh entdeckt, dass sich identische Ereignisse vom Standpunkt eines Anderen aus völlig verändert darstellen lassen. Und so haben auch alle vermeintlich widersprüchlichen Einschätzungen ihre Berechtigung.

Die Sprache, in der die Autorin Céline und durch sie die anderen Figuren sprechen lässt, ist klar und heftig, so wie in: „Eine Familie ist eine Wiege, ein Gefängnis, ein Giftschrank.“ Überraschend und originell sind auch Formulierungen wie „Sie verzichtet auf sich“. Gemeint ist die im Zug fahrende Céline, die sich vor lauter Umgebungsgeräuschen und -gerüchen ihrer Mitreisenden nicht mehr auf sich selbst konzentrieren kann.

Die handelnden Figuren, das sind die Geschwister Aline, Céline, Pauline und Philippe als Verwandte des Onkels. Sowie Neffe Bernard der Tante und ihre ebenso „flotte“ wie geldgierige Schwester Kati, die durch einen Formfehler im Testament als nächste Angehörige alles erben soll, obwohl das Vermögen allen – sowohl ihren als auch seinen Nichten und Neffen – hätte zukommen sollen.

Doch dieser Grundkonflikt bleibt eher im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Beobachtungen von Céline.

Mitreißend und in wunderschöner deutsch-französischer Sprachmelodie las Sylvie Schenk aus ihrem Buch. Sie wurde von Jazzmusiker Heribert Leuchter unterstützt, der den Portraits und Konflikten der Figuren musikalisch nachspürte. Die beiden arbeiten bereits seit 30 Jahren zusammen, verriet Leuchter. Die Melodien zu „Eine gewöhnliche Familie“ komponierte er speziell für Schenks Universum der Clarin-Familie.

Auf die Frage, ob ihre Bücher auch ins Französische übersetzt werden, offenbarte Sylvie Schenk, dass sie gar nicht wisse, ob ihr das so recht sei. Schließlich seien einige Vorkommnisse aus dem Buch echt und sie befürchte Unverständnis. „Ich vermische immer Autobiographie und Fiktion“ erklärte sie ihre Schreibform. Das sei eine schwierige Übung, man tanze zwischen den Welten.

Organisator Dr. Achim Jaeger wollte sich eigentlich zum Schluss bei seinen Gästen für ihr Kommen bedanken. Die spielten den Ball jedoch zurück und bedankten sich bei Jaeger. Schenk, die auch Initiatorin und Organisatorin des Euregio-Schüler-Literaturpreises ist, an dem Jaeger mit seinen Schülern regelmäßig teilnimmt, fand: „Ihr seid eine tolle Schule. Du bist so engagiert. Klasse!“

(ah)