Merzenich: Ständig Unfälle auf der A4: Eine freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz

Merzenich: Ständig Unfälle auf der A4: Eine freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz

Als Patrick Harzheim im Herbst 2014 ahnte, was in den kommenden Jahren auf ihn und seine Kollegen zukommen würde, ist er zur Bezirksregierung gegangen und hat zwei Fragen gestellt: „Warum wir? Warum keine anderen?“ Die Antwort war simpel: So ist die Rechtslage.

Die Folge: Als im September 2014 die neue A4-Anschlussstelle Merzenich geöffnet wurde, musste Wehrleiter Patrick Harzheim sicherstellen, dass die Merzenicher Feuerwehr jederzeit in der Lage ist, im Notfall auf den zugewiesenen Autobahnabschnitten bis Elsdorf und Merzenich bis Düren in kürzester Zeit Hilfe zu leisten. Für ehrenamtliche Kräfte einer kleinen Kommune kein leichtes Unterfangen.

Die Zahl der schweren Unfälle auf der A4 häuft sich. Für die Freiwillige Feuerwehr Merzenich ist das eine große Belastung. Foto: Feuerwehr Merzenich

Drei Jahre ist das jetzt her. Und gerade in den vergangenen Monaten mussten die Feuerwehrleute aus Merzenich vermehrt zu schweren Unfällen mit mehreren Toten ausrücken. Für die ehrenamtlichen Männer und Frauen der Feuerwehr kein einfacher Job. „Wir hatten auch schon vorher Suizidversuche oder Verkehrsunfälle, bei denen Kinder verstorben sind“, sagt Harzheim. Der Unterschied zu heute: Kam das früher einmal im Jahr oder alle zwei Jahre vor, wird es nun alltäglicher. Wie bei dem Unfall Ende August, als die Feuerwehr vier Tote aus den Autowracks ziehen musste.

Wehrleiter Patrick Harzheim. Foto: B. Giesen

„In vorderster Front stehen nur Kollegen, von denen wir glauben, dass sie den Einsatz verkraften. Jüngere Kameraden versuchen wir zu schützen“, erklärt Harzheim. „In so einer Situation funktioniert man, greift auf das zurück, was man gelernt hat, nutzt festgelegte Abläufe. Man hilft, schaut der Person aber vielleicht nicht ins Gesicht, um sich selbst zu schützen.

Schwierig wird es, wenn man wieder auf dem Weg nach Hause ist. Mit der Ruhe kommen auch die Gedanken“, beschreibt der Wehrleiter, dass auch für die Feuerwehrkollegen die Belastung enorm ist. Umgekehrt hat er die Erfahrung gemacht, dass das Team zusammenwächst. „Selbst die ganz harten Feuerwehrmänner werden nach solchen Einsätzen feinfühlig und achten auf ihre Kollegen.“

Psychologischer Nachsorgeteam

Hilfe können die Einsatzkräfte beim Psychologischen Nachsorgeteam des Kreises Düren suchen. „Wir werden da sehr professionell unterstützt“, lobt der Wehrleiter und hat für den Gesprächsbedarf ein einfaches Beispiel parat: „Einmal im Monat steht die Pflege von Fahrzeugen und Geräten an. Da kommen normalerweise drei bis vier Leute. Nach diesem Unfall waren alle von uns da.“

Dabei müssen die Feuerwehrleute während eines Einsatzes selbst stark sein, die Opfer und Angehörigen betreuen und sich mit Gaffern herumschlagen. Ein Phänomen, das auch in Harzheims Wahrnehmung deutlich zugenommen hat, und für das er keine Erklärung findet. „Es will doch sicher niemand als Verletzter in einem Video auf Youtube auftauchen“, sagt er, und erlebt dennoch, wie auf der Autobahn ein Lkw mit 80 Sachen an ihm vorbeirauscht, der Fahrer die Kamera raushält und sich dabei noch die Beifahrerseite aufschlitzt. Oder den Einsatz, wo ein Verletzter aus einem Auto geborgen werden musste und auf der Böschung Menschen standen und alles filmten. „Wir mussten sechs Einsatzkräfte abstellen, um einen Sichtschutz aufzubauen. Diese sechs Leute hätten in der Zeit wirklich Sinnvolleres tun können“, ärgert sich der 39-jährige Wehrleiter.

Zumal gerade die Ressource Einsatzkräfte eine äußerst knappe ist. Harzheim hat den großen Vorteil, dass er bei der Gemeindeverwaltung beschäftigt ist. „Anders ist dieser Job auch kaum zu bewältigen, weil die Anforderungen immer größer werden.“ Harzheim hat ein Beispiel parat: „Früher hat man bei einem Hausbrand oben Wasser reingekippt und wenn das unten wieder rauslief, war der Brand gelöscht.“ Heute gehen die Einsatzkräfte auf Grund des technischen Fortschritts ins brennende Haus.

Die Gefahren sind viel höher, und deshalb muss er penibel auf die Einhaltung von Vorschriften achten, Einsätze dokumentieren, sich mit technischen Fragen auseinandersetzen. Und ist nebenbei genauso für den Chemikalienunfall zuständig wie für die zu rettende Katze, die sich auf den Baum verirrt hat — rund um die Uhr. Das ist die vielleicht noch größere Herausforderung: Ruft der Piepser, müssen innerhalb von acht Minuten neun Einsatzkräfte vor Ort sein, weitere vier Minuten später insgesamt 22 Feuerwehrleute.

Harzheim: „In der Nacht und am Wochenende ist das kein Problem. Kritisch sind die Wochentage zwischen 8 und 16 Uhr.“ Selbst der Merzenicher Feuerwehrmann, der in Düren arbeitet, kann diese Zeitvorgabe der Bezirksregierung schon nicht mehr einhalten. Hinzu kommt, dass die Arbeitsbelastung doppelt gestiegen ist.

Knapp 30 Einsätze

Zu knapp 30 Einsätzen auf der A4 muss der Löschzug im Jahr ausrücken. Aber: Auch die Unfälle auf den Zubringerstraßen sind mit der Öffnung der Anschlussstelle angestiegen. Um die kritische Zeit tagsüber abzudecken, hat Harzheim auch in der Verwaltung dafür geworben, sich der Feuerwehr anzuschließen. „Als ich angefangen habe, waren wir fünf Mann, jetzt sind wir zehn Männer und Frauen“, sagt er. Die Werbung bei den Kollegen hatte Erfolg und war eine wichtige Voraussetzung dafür, die Arbeit bewältigen zu können. Entgegen dem Trend ist die Zahl der Ehrenamtler gewachsen.

Vielleicht liegt das auch an der verantwortungsvollen Aufgabe. „Neulich ist ein junger Mann zu uns gekommen, der ein Hobby gesucht hat. Er wollte etwas Sinnvolles tun“, erzählt Harzheim. Oder er kann über die 19-Jährige berichten, die in ihrer Freizeit Fußball gespielt hat.

Das Knie machte nicht mehr mit, sie suchte eine neue Herausforderung. Oder die Kollegin, die er als schmal und klein, eher schüchtern beschreibt. „Die ist durch die Lehrgänge und bei den Einsätzen völlig über sich hinausgewachsen“, ist Harzheim stolz auf sein junges Team. Angesichts der schrecklichen Bilder, die einen beim Einsatz erwarten können, muss man über sich hinauswachsen können.