St. Anna: Historisches Glockenspiel mit digitalem Antrieb

Das Glockenspiel von St. Anna in Düren : Altes Wahrzeichen mit digitalem Antrieb

So sehr sich die Kölner mit dem Rhein identifizieren, so sehr gehört das Glockenspiel von St. Anna für viele zu Düren. Jede volle Stunde erklingt es und spielt eine Melodie. Seit über 450 Jahren. Wer genau hinhört, erkennt nicht nur traditionelle Kirchenlieder, die von den 37 Glocken gespielt werden.

Das Glockenspiel ist historisch eng mit der Bombennacht und der Zerstörung Dürens am 16. November 1944 verbunden. Die Annakirche wurde dabei vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Erst 20 Jahre später war der neue Glockenturm fertig – und damit erschallte zum ersten Mal das Glockenspiel, so wie man es heute in Düren kennt. Allerdings wird es inzwischen nicht mehr von einem sogenannten Stockenklavier bedient oder per Walzenband betrieben, sondern elektronisch. Für die Liedauswahl und Programmierung ist Regionalkantor Hans-Josef Loevenich verantwortlich.

Im Jahr 1991 trat Loevenich seinen Dienst an. Zu dieser Zeit war die stets Wind und Wetter ausgesetzte Glockenkammer schon stark sanierungsbedürftig. Das Stockenklavier funktionierte auch nicht mehr. „Ich habe es in all den Jahren nie bedient“, sagt Loevenich. Es kommen allerdings immer wieder Anfragen, auch aus Übersee, ob man das alte Instrument noch nutzen könne. Inzwischen ist klar: Eine Sanierung wäre zu teuer.

Um das Stockenklavier wieder funktionstüchtig zu machen, müsste man eine fünfstellige Summe in die Hand nehmen. Ohnehin nimmt Loevenich selten den beschwerlichen Weg hinauf zum Glockenspiel. Wie viele Stufen genau bis oben zu nehmen sind, weiß er nicht. Zunächst windet man sich durch einen engen Steinaufgang, es folgt eine geräumige Holztreppe bis zu einer offenen Stahl-Wendeltreppe, die an den Hauptglocken vorbei bis zur Spitze führt.

Der Gang über die zahlreichen Stufen ist nicht mehr erforderlich: Die Schaltzentrale des Glockenspiels findet sich heute in einem kleinen Kasten im Gang zur Sakristei der Kirche St. Anna. Die Technik stammt von der Königlichen Glockengießerei Petit & Fritsen aus den Niederlanden, die im August 1964 das neue Glockenspiel in St. Anna montierte. Die größte Glocke wiegt 640 Kilogramm und misst 1,01 Meter im Durchmesser, die kleinste kommt bei einem Gewicht von 12,5 Kilogramm immerhin auf einen Durchmesser von 21,5 Zentimeter.

Dürens Regionalkantor Hans-Josef Loevenich am Stockenklavier im Turm von St. Anna. Es ist seit Jahren außer Betrieb. Foto: Patrick Nowicki

Und alle tragen sie einen Namen: Die größte ist Petrus und damit dem Papsttum gewidmet, auf der kleinsten Glocke ist der Name Adolf Kolpings zu finden. Die Bezeichnung der Glocken folgt einer klaren Systematik: Die zwölf größten Exemplare wurde nach den Aposteln bezeichnet, es folgen Namen von Berufs- und Standesheiligen, Patrone benachbarter Pfarrgemeinden und zum Schluss Heilige der Heimat.

Auch bei der Auswahl der Lieder gelten Regeln. Sie orientieren sich nach dem Kirchenjahr. Derzeit erklingen Kirchenlieder zur vorösterlichen Zeit. Aber eben nicht nur. Dazwischen mischt sich immer ein weltliches Stück. Wer aufmerksam in diesen Tagen zugehört hat, wird auch die Melodie des „Frühlings“ aus Vivaldis „Le quattro stagioni“ (Die vier Jahreszeiten) erkennen. „Ich bin in meiner Wahl der Lieder in bestimmtem Maße frei“, sagt Loevenich. Die Stücke spielt er selbst mit dem Keyboard ein und sichert sie auf einer Speicherkarte. Nur zu besonderen Gelegenheiten drückt der Regionalkantor live vor Publikum die Tasten des Keyboards. Die Annaoktav Ende Juli ist solch ein Beispiel. Dann besteht die Herausforderung für den Musiker darin, die zeitliche Verzögerung zwischen Tastendruck und Schwung der Glocken beim Spiel zu berücksichtigen.

Nicht jedes Werk lässt sich allerdings auf einem Glockenspiel interpretieren. Da das Metall lange nachhallt, führen schnelle Tonabfolgen zu Dissonanzen, also Überschneidungen, die alles andere als angenehm klingen. „Die Melodie darf also nicht zu flott sein“, räumt Loevenich ein. Das ist sie beim Lied „Wer soll das bezahlen?“ in keinem Fall. Der Karnevalsklassiker von Jupp Schmitz ertönte vor Jahren bei der Feier zur Umgestaltung des Annaplatzes. Eine solch humorvolle Darbietung genießt natürlich Seltenheitswert.

So wie Dürens Glockenspiel. Bis zur verheerenden Bombennacht am 16. November 1944 galt es als das älteste Turmglockenspiel Deutschlands. Seinen Ursprung hatte es im Jahr 1550, als Claiß Wyndemaiker von Gangelt aus Münster den Auftrag vom Dürener Magistrat erhielt, es ins Kirchengebäude einzubauen. Bereits damals erhielt es eine Klaviatur für die Hand- und Pedalbetätigung oder es wurde von einer Walze betrieben. Im 16. Jahrhundert war es eines der modernsten Glockenspiele weltweit, dessen Mechanik bis 1944 nahezu unverändert blieb. Allerdings spielte es in dieser Zeit noch halbstündlich.

Wie viel das Glockenspiel den Dürenern bedeutet, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Nach dem Neubau der Kirche St. Anna wurde das Glockenspiel erst im Jahr 1964 mit vielen Spenden von Bürgern und mit Unterstützung der Stadt wieder aufgebaut – und klingt bis heute.

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