Heimbach: „Spannungen“: Viel Feuer und Leidenschaft bei großartigem Konzert

Heimbach: „Spannungen“: Viel Feuer und Leidenschaft bei großartigem Konzert

Ein Konzert nur aus Zugaben? Beim Kammermusik-Festival „Spannungen“ im Heimbacher Jugendstilkraftwerk gehört das mittlerweile zum Programm. Beim Freitagnachtkonzert bringen die Künstler ihre persönliche Lieblingsstücke zu Gehör.

Da eine Zugabe eine Überraschung sein soll, wird sie eigentlich vorab nicht verraten. Vier Musiker haben am Freitag während der Proben eine Ausnahme gemacht und bereits vor Konzertbeginn verraten, was sie sich ausgesucht haben — und warum. Im Gespräch mit der DZ erklären sie zudem, was für sie den Reiz des Festivals ausmacht.

Eine Zugabe soll eine Überraschung sein und wird folglich vor dem Konzert nicht verraten. Für unsere Zeitung haben die Festival-Künstler Dina Ugorskaja (oben links), Mario Häring (oben rechts), Yura Lee (unten links) und Gad Jensen eine Ausnahme gemacht. Foto: Stephan Johnen

Pianistin Dina Ugorskaja hat ein Intermezzo von Johannes Brahms (op.119) ausgesucht. „Das ist ein verinnerlichtes, sehr persönliches Stück aus der späteren Schaffenszeit“, sagt die 41-Jährige. Mit dieser Zugabe verbinde sie auch eine sehr persönliche Geschichte. „Vor 25 Jahren habe ich Russland verlassen und bin nach Deutschland gezogen“, berichtet sie. Sie wolle daher einen Moment innehalten.

Eine Zugabe soll eine Überraschung sein und wird folglich vor dem Konzert nicht verraten. Für unsere Zeitung haben die Festival-Künstler Dina Ugorskaja (oben links), Mario Häring (oben rechts), Yura Lee (unten links)und Gad Jensen eine Ausnahme gemacht. Foto: Stephan Johnen

Eine Premiere für die Pianistin

Die Teilnahme am Heimbacher Festival ist für die gebürtige Leningraderin eine Premiere. „Ich bin absolut überwältigt von der Atmosphäre“, schwärmt sie. Die Proben und Konzerte seien zwar harte Arbeit, gleichzeitig herrsche eine beinahe unfassbare Freundlichkeit und Herzlichkeit. „Es ist schön, dass Profimusiker auch mal wie Kinder sein können“, findet sie. Beispielsweise wenn mitten in der Nacht schon einmal kollektiv eine Mannschaftsportion Eisbombe verputzt wird.

Von „Arbeit, die sich wie Urlaub anfühlt“, spricht die Geigerin und Bratschistin Yura Lee. Sie genieße es, eine Woche lang mit Menschen zu verbringen, die ihr Leben der Musik verschrieben hätten. „Es gibt viele Festivals in der Welt, aber keines ist so wie ‚Spannungen‘“, ist die 30-Jährige US-Amerikanerin überzeugt. Für ihre Zugabe hat sie ein Stück aus Ungarn ausgewählt, das ihr Instrument an die Grenze der Belastbarkeit bringt. „Es ist ein Tanz — und ich hoffe, dass die Menschen tanzen werden, weil sie einfach gute Laune haben“, sagt sie lachend.

Der gebürtige Norweger Dag Jensen (Fagott) hat mit vier Kollegen den Satz „Bordell“ aus Astor Piazollas „L‘Histoire du Tango“ ausgewählt. „Es geht um Ausgelassenheit, heiße Rhythmen, Lebensfreude und auch Erotik — es geht um das Leben“, begründet er die Auswahl des Quintetts. Der Reiz am „Zugaben“-Konzert sei, dass viele Künstler etwas aussuchen, das sonst kaum zu hören sei. Und gerade der schnelle Wechsel von Stücken und Interpreten eine große Vielfalt ermögliche. Da das Programm nicht gedruckt ist, sei jeder Auftritt nicht nur für die Besucher, sondern oft auch für die Kollegen eine Überraschung.

„Heimbach bedeutet für mich tolle Tage mit guten Freunden“, sagt der 51-Jährige. Zum neunten Mal ist er dabei. „Spannungen“ — das stehe für ihn für Anstrengung während der Proben, Spannung vor dem Konzert, aber auch für Entspannung nach dem Musizieren, nach Freude und nach Freunden.

Ein Werk für Geige und Klavier von Cornelius Hummel hat der 26-jährige Pianist Mario Häring ausgesucht. „Ein kurzes, humorvolles Stück“, sagt er. Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Also etwas anderes als an den übrigen Tagen.“ Der Reiz an Heimbach sei, dass es Stücke zu hören gibt, die sonst nur selten gespielt werden — in hochkarätigen Besetzungen, die in dieser Weise sonst nie zustande kommen würden. „Das ist einfach sensationell“, findet Häring, der zum dritten Mal in Heimbach ist.

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