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Düren: Seit fast 35 Jahren berichtet der Kreuzauer Journalist Horst Senker vom ESC

Düren : Seit fast 35 Jahren berichtet der Kreuzauer Journalist Horst Senker vom ESC

Horst Senker als Experten für den Eurovision Song Contest (ESC) zu bezeichnen, ist vermutlich noch eine Untertreibung. Der Journalist, Radiomoderator und Medienpädagoge aus Kreuzau hat 1982 in der Jury des ESC gesessen, als Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ im britischen Harrogate zum ersten Mal überhaupt den großen europäischen Musikwettbewerb für Deutschland gewonnen hat.

Danach hat Senker so gut wie keinen ESC ausgelassen: 1983 und 1984 gehörte er in München und Luxemburg zum Organisationskomitee der Fernsehgala. Anschließend hat er fast jedes Jahr für verschiedene Rundfunksender vom ESC berichtet. Gerade ist Senker wieder in Sachen ESC unterwegs — aus dem portugiesischen Lissabon berichtet er für den WDR, den Belgischen Rundfunk und Radio Luxemburg.

„Der Eurovision Song Contest“, sagt Horst Senker, „hat schon als Kind eine große Faszination auf mich ausgeübt.“ Schon als kleiner Junge habe er den Musikwettbewerb im Fernsehen verfolgt. „Damals mussten die Interpreten noch in ihrer Muttersprache singen. Die vielen verschiedenen Sprachen, die mir alle nicht vertraut waren, die wechselnden Dirigenten und die Zeremonie ‚Land gegen Land‘ — das hat mich begeistert. Der ESC war damals so etwas wie ein Kampf der Kulturen.“

Während seines Studiums der Medienpädagogik hat Senker Praktika bei verschiedenen Radiostationen gemacht und sich 1982 für die ESC-Jury beworben. „Mich hat das unglaublich interessiert, und ich bin genommen worden.“ Von da an war Senker endgültig vom „ESC-Virus“ infiziert. „Natürlich hat sich der Wettbewerb in den vergangenen 35 Jahren stark verändert“, erklärt der Musik-Fachmann. In den 80er Jahren sei alles viel überschaubarer und intimer gewesen. „Es war viel leichter, seine Ansprechpartner zu finden. Man kannte sich einfach. Heute ist die Fluktuation der Mitarbeiter sehr groß.“ Aber auch nicht nur hinter, sondern auch auf der Bühne hat es große Veränderungen gegeben.

„Der ESC ist immer mehr ein Fernsehwettbewerb geworden, das heißt, es wurden immer mehr Dinge fürs Auge geboten.“ Irgendwann hätten die Gewinner-Nationen, die traditionell im Folgejahr die Veranstaltung ausrichten, sich gegenseitig mit Bühnentechnik, Videoleinwänden und Lichteffekten überboten. „Das Motto war ‚Mehr, Größer, Überragender‘. Das ist in diesem Jahr in Portugal wieder anders. Der Wettbewerb konzentriert sich wieder auf das Lied.“ So wie 1982, als die erst 17-jährige Nicole nur mit einer weißen Gitarre die ESC-Bühne erobert hat. „Der Wettbewerb war in Großbritannien, das Land stand damals im Krieg mit Argentinien“, erklärt Senker. „Und da kam ein 17-jähriges, unschuldiges Mädchen auf die Bühne und hat vom Frieden gesungen. Das haben alle verstanden. Nicole und das Lied haben die Menschen berührt.“

Erfolgsgarant Stefan Raab

Bei Lena, die mit „Satellite“ 2010 den Wettbewerb in seiner 63-jährigen Geschichte zum zweiten Mal für Deutschland gewonnen hat, sei vor allem Stefan Raab der Erfolgsgarant gewesen. Senker: „Raab hatte einfach ein gutes Gespür für das, was beim ESC funktioniert.“ Stimmt: Mit „Wadde hadde dudde da“ ist Raab im Jahr 2000 selbst angetreten und hat Platz fünf geholt. Außer Lena hat er noch Guildo Horn (1998 mit „Guildo hat Euch lieb“) und Max Mutzke 2004 mit „Can’t Wait Until Tonight“) für Deutschland ins Rennen geschickt — beide haben es unter die ersten Zehn geschafft. „Den ESC gewinnt der“, formuliert es Horst Senker, „der eine unverkrampfte Lust an der Sache hat, und der mit Stimme, Auftreten und der Geschichte seines Songs überzeugt.“

Für Michael Schulte, der am Samstagabend mit „You let me walk alone“ für Deutschland an den Start geht, will Senker nur ungern eine Prognose abgeben. „Beim ersten Hören hat mich das Lied nicht unbedingt überzeugt“, sagt er. Gleichwohl präsentiere Schulte in Lissabon eine sehr reduzierte, aber ansprechende Show. „Er singt ein Lied über den Tod seines Vaters, und ich habe von Kollegen gehört, dass sie bei den Proben ein Gänsehautgefühl hatten.“ Sicher ist, und das sagt Senker in aller Deutlichkeit: „Es muss besser werden als in den vergangenen drei Jahren, als Deutschland immer auf dem letzten beziehungsweise vorletzten Platz gelandet ist.“

Beim ESC in Lissabon könnten die Zuschauer sich auf viele unterschiedliche Musikrichtungen freuen, sagt Senker. Eine estnische Opernsängerin sei genauso am Start wie eine Zypriotin, die eine eingängige Tanznummer präsentieren würde, oder die Israelin Netta, die mit ihrem Elektro-Pop-Song „Toy“ die Me-Too-Debatte thematisiere. „Es ist wirklich schwer zu sagen, wohin Europa diesmal geht.“ Und das, ergänzt der Radio-Mann, sei ja auch das Schöne am ESC. „Manchmal gibt es auf der Bühne den einen, magischen Moment, der letztlich darüber entscheidet, wer den Wettbewerb gewinnt.“

„Große Heiterkeit“

Trotz aller Veränderungen und immer wieder auftretenden Vorwürfe, dass beispielsweise die Länder des ehemaligen Ostblocks, oder Skandinavien, Finnland und Island sich gegenseitig häufig die hohen Punkte zukommen lassen würden, ist Horst Senker immer noch ein großer Freund des „Eurovision Song Contest“. „Ich finde es gut, dass es diesen Wettbewerb gibt“, sagt er und erklärt auch gleich, warum: „Der ESC ist ein Stück Europa, lange bevor die Maastrichter Verträge unterzeichnet worden sind. Diese Veranstaltung verbindet wirklich Menschen.“ Das sei auch in Lissabon überall deutlich. „Die Stadt ist sehr voll, überall spürt man eine große Heiterkeit.“ Und das trotz sehr starker Sicherheitsmaßnahmen und seinem enormen Polizeiaufkommen.

Senker selbst hat seinen Fokus im Rahmen der ESC-Berichterstattung ein wenig verlagert. „Natürlich bin ich in erster Linie wegen der Musik hier“, sagt er. „Aber ich möchte auch die Stadt und die Menschen kennenlernen, möchte lernen, was „saudade“ wirklich ist, dieses besondere portugiesische Gefühl der Melancholie und Sehnsucht.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2. ESC-Halbfinale: Zehn Länder sind eine Runde weiter