Düren: Schulleiterin Dr. Claudia Fülling: „Ökonomik nicht das Feld überlassen“

Düren: Schulleiterin Dr. Claudia Fülling: „Ökonomik nicht das Feld überlassen“

Es ist eine fast schon banale Frage gewesen, die Dr. Claudia Fülling derart beschäftigt hatte, so dass die Schulleiterin des Gymnasiums am Wirteltor (GaW) daraus eine 289-seitige Dissertation schrieb. Eine preisgekrönte noch dazu, wie sie vergangene Woche in Hannover erfuhr.

„Wozu sollen wir das eine tun und das andere lassen?“ lautet diese Frage. In ihrer Arbeit sucht sie nach Antworten, indem sie Theologie, Ökonomie und Pädagogik verbindet.

Die 47-Jährige, die seit August 2015 das GaW leitet, ist der Meinung, dass „uns diese Frage gerade in der Wirtschaft überfordert“. In der heutigen Gesellschaft hätte die Wirtschaft einen größeren Einfluss auf Kaufentscheidungen als die eigenen Einstellungen und die eigene Moral.

Vereinfacht könnte man sagen, dass sich die Dissertation gegen eine Wirtschaft stellt, die dem Kunden ein bestimmtes Verhalten vorgibt — weil die es leicht habe, Menschen für bestimmte Produkte zu gewinnen. Denn Kaufentscheidungen treffe man emotional. In ihrer Arbeit hebt sie die Rechtfertigungsebene des Handels heraus.

Abseits von dieser Arbeit („Sie gibt nicht vor, wie man Schule gestaltet“) legt Fülling größten Wert darauf, ihren Schülern eigenständiges Denken zu vermitteln, setzt auf Diskussionen. Als guten Schritt am GaW bezeichnet es Fülling, dass bereits — unabhängig von der Arbeit — ab der 5. und nicht mehr erst ab der 7. Klasse praktische Philosophie unterrichtet wird.

„Ich kann die Wirtschaft selbst gestalten mit meinen Kaufentscheidungen. Daran muss sich die Wirtschaft anpassen — und nicht andersrum“, erklärt sie, „wir dürfen der Lehre der Ökonomik nicht das Feld überlassen.“ So lautet ein Schluss ihrer Arbeit. In der Begründung der Jury für die Auszeichnung heißt es, dass die Arbeit das Ziel verfolge, „innere Haltung“ zu stärken.

Diese Haltung ist nicht neu. Claudia Fülling wurde für die Arbeit (2012 eingereicht an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum bei Prof. Dr. Gottlieb Jähniche) aber mit einem Preis und 5000 Euro ausgezeichnet, weil sie die Bedeutung der Empathie als Grundlage für moralisches Handeln zusammen mit verschiedenen Ansätzen der theologischen Wirtschaftsethik untersucht hat.

Im Umkehrschluss heiße das aber nicht, dass nur das Christentum die Antworten auf die „Wozu“-Frage habe, sagt sie. Fülling hat sich schlicht daran orientiert, weil sie selbst Theologin ist — sich in dem Gebiet also bestens auskennt.

Warum Empathie wichtig für ihren Ansatz ist, erklärt sie so: „Wenn ich ein Gefühl dafür habe, welche Auswirkungen mein Handeln hat, kann ich es in einen sozialen Kontext stellen.“ Sie ist überzeugt, dass viele frühe Begegnungen von Schülern mit Mensch, Natur und Industrie bei ihnen eine „positive Verankerung“ der Empathie fördern können — heißt: negative Folgen für alle infolge individuellen Handelns einzugrenzen.

Es ist Füllings Ziel, ihr Thema der (Fach-) Öffentlichkeit bekannter zu machen, sie habe bereits Anfragen erhalten. Da dies eventuell Geld koste, würde sie dann einen Teil des Preisgeldes dafür nutzen — weil sie das eben nur für etwas Nachhaltiges verwenden möchte.

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