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Prävention im Marien-Hospital: Schüttelpuppe soll helfen, kleine Kinder zu schützen

Prävention im Marien-Hospital : Schüttelpuppe soll helfen, kleine Kinder zu schützen

Ein schreiender Säugling ist belastend. Manchmal verlieren Eltern die Kontrolle und schütteln ihr Baby. Das kann tödlich enden oder schlimme gesundheitliche Folgen haben. In Düren hilft nun eine Spezialpuppe bei der Prävention.

Das Geschrei eines Babys kann zermürbend sein. Laut, anhaltend, herzzerreißend. Und manchmal hilft einfach nichts. Singen nicht, durch die Wohnung tragen nicht, Stillen nicht. Die Anspannung wächst, eine Negativspirale setzt sich in Gang. Und manchmal wollen Väter und Mütter einfach nur, dass es endlich aufhört. Ruhe.

Lucia Goffin, Sozialpädagogin am Birkesdorfer St.-Marien-Hospital, demonstriert, was passiert, wenn Eltern in solchen Momenten die Kontrolle verlieren: Sie schüttelt die Babypuppe in ihrem Arm. Nur zwei, drei Sekunden, gar nicht mal mit brutaler Gewalt. Ein echtes Baby wäre dann vielleicht schon tot. In jedem Fall würde es massive gesundheitliche Schäden davontragen. Die meisten Kinder, die überleben, erblinden, haben Konzentrationsprobleme oder tragen körperliche oder geistige Behinderungen davon. Laut der Berliner Charité werden nur zehn bis 20 Prozent der Kinder, die das Schütteln überleben, wieder vollständig gesund.

Es ist nicht so, dass Schütteltraumata in der Birkesdorfer Kinderklinik zum Alltag gehören. Manchmal gebe es ein paar Jahre keinen Fall, dann zwei in einem Jahr, sagt Magdalene Wiesner, Oberärztin und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Kinderklinik im St.-Marien-Hospital.

Deutschlandweit sterben allerdings etwa hundert Kinder pro Jahr am Schütteltrauma (ein Drittel der Kinder, die in einer Klinik vorstellig werden). Die Dunkelziffer der verletzten Kinder schätzen Experten als hoch ein.

„Zwischen dem ersten und fünften Lebensmonat weinen Kinder besonders viel, manche mehr, andere weniger“, weiß die Medizinerin. Auslöser dafür seien anders als früher angenommen meist nicht Bauchschmerzen, sondern die vielen Reize, die Kinder verarbeiten müssten, manchmal komme es dabei zu Regulationsstörungen. „Das Schreien ist der häufigste Auslöser dafür, dass Eltern – Väter häufiger als Mütter – ihre Kinder schütteln.“

Überforderung, Angst, Wut. Wer in solchen Momenten kein soziales Netz hat, das ihn auffängt, wer sich vielleicht wegen einer Suchterkrankung oder anderweitiger Probleme weniger gut im Griff hat, wer vielleicht vor lauter Überforderung einfach nicht mehr kann, der läuft Gefahr, einen sehr folgenschweren Fehler zu begehen.

Aus diesem Grund spielt für Magdalene Wiesner und Sozialpädagogin Lucia Goffin die Präventionsarbeit in Düren eine wichtige Rolle. Denn es sei bekannt, dass viele Menschen gar nicht wüssten, welche gravierenden Folgen das Schütteln haben kann. Von nun an steht dem Kinderzentrum für die Aufklärung von (werdenden) Eltern eine sogenannte Schüttelpuppe zur Verfügung, die spendenfinanziert über ein Projekt der Berliner Charité nach Düren gekommen ist.

Lucia Goffin, Sozialpädagogin am St.-Marien-Hospital, und Magdalene Wiesner, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Kinderklinik, wollen mit der Schüttelpuppe Aufklärungsarbeit bei (werdenden) Eltern leisten.
Lucia Goffin, Sozialpädagogin am St.-Marien-Hospital, und Magdalene Wiesner, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Kinderklinik, wollen mit der Schüttelpuppe Aufklärungsarbeit bei (werdenden) Eltern leisten. Foto: Catrin Capell

Und sie schreit. Unaufhörlich. Solange die Batterien nicht schwach machen. Anders als andere Puppen hat diese einen transparenten Kopf, in dem rot das Gehirn durchschimmert und die verschiedenen Areale etwa für das Sehen, die Motorik, die Sprachentwicklung angezeichnet sind.

Schon bei relativ leichtem und kurzem Schütteln blinken die Warnlichter am Hinterkopf der Puppe auf. „Das ist das Zeichen für bleibende Schäden an den Augen“, erklärt Goffin während sie das Schütteln demonstriert. Nach zwei bis drei Sekunden etwas kräftigerem Schütteln blinken alle Warnlichter des Puppengehirns. Ein Kind würde jetzt das Bewusstsein verlieren.

Beim Schütteln eines Babys fällt der im Vergleich zum Körper recht schwere Kopf vor und zurück. Während der Kopf eines Erwachsenen zehn Prozent des Körpergewichtes ausmacht, sind es beim Baby 25 Prozent. Die Nackenmuskulatur kann ihn nicht halten, das Gehirn wird geschüttelt, es kann zum Einriss von Venen und in der Folge zu schweren Gehirnblutungen kommen.

„Es gibt viele Entlastungsangebote für Eltern im Kreis Düren“, sagt Goffin und nennt als Beispiel etwa die Schreiambulanz am Birkesdorfer Krankenhaus. Mit dem Einsatz der Schüttelpuppe bei Infoabenden oder in Einzelgesprächen wollen sie und ihre Mitstreiter aus der Kinderklinik und dem SPZ Eltern sensibilisieren und darauf aufmerksam machen, dass es viele Hilfsangebote gibt, wenn Eltern sich überfordert fühlen.

Und wenn es doch passiert? „Dann ist es wichtig, sich sofort in einem Krankenhaus zu melden und dabei auch ehrlich zu sein. Für uns ist die Diagnose sonst oft schwierig. Die Kinder sind ja äußerlich unversehrt“, erklärt Wiesner. „Ich denke, alle Eltern kennen Situationen mit ihrem Kind, in denen sie sich schon einmal hilflos oder überfordert gefühlt haben“, ergänzt Lucia Goffin. „Das ist normal und gehört zum Elternsein dazu. Wichtig ist es, sich rechtzeitig Unterstützung zu suchen, wenn solche Situationen regelmäßig auftreten.“

Hilfesuchende finden Infos zur Schreiambulanz auf www.marien-hospital-dueren.de/spezialsprechstunden-sozialpaediatrisches-zentrum