Düren: Schritt für Schritt Freiheiten einräumen

Düren: Schritt für Schritt Freiheiten einräumen

Eine sechs Meter hohe Mauer umfasst das Forensische Dorf der LVR-Klinik. Hohe Sicherheit nach außen, viel Freiheit nach innen lautet die Devise bei der Behandlung psychisch kranker Straftäter. Doch wie genau sieht die Arbeit in dieser besonders gesicherten Abteilung der psychiatrischen Klinik aus?

Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es? 20 Leser hatten am Mittwoch die Gelegenheit, im Rahmen der DZ-Sommertour einen Blick hinter die Mauer zu werfen. Während der fast vierstündigen Führung haben sie viel über psychische Erkrankungen, die rechtlichen Hintergründe und die tägliche Arbeit erfahren. Experten wie Pflegedienstleiter Stephan Lauterbach und die beiden Chefärzte der Forensischen Abteilungen (siehe Infokasten) nahmen sich viel Zeit, um in die schwierige Materie einzuführen.

So erfuhren unsere Leser unter anderem, dass etwa 60 Prozent der Patienten in der Forensik an psychotischen Erkrankungen leiden und beispielsweise schizophren sind. Die zweite große Gruppe sind Menschen, die unter Persönlichkeitsstörungen leiden. Weil sie aufgrund ihrer Erkrankung zum Zeitpunkt der Straftat schuldunfähig waren, büßen sie keine Haftstrafe ab. Um die Gesellschaft zu schützen, leben sie dennoch auf Anordnung eines Gerichtes bis zum erfolgreichen Abschluss ihrer Therapie „hinter“ der Mauer.

Ziel ist es, die psychische Krankheit zu behandeln, bis der Patient keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellt. Im Durchschnitt dauert dies sieben bis acht Jahre. Schritt für Schritt werden den Patienten, bei denen eine Therapie anschlägt, mehr Freiheiten eingeräumt. Freiheiten, die auch eine Art Probe darstellen — und schnell wieder zurückgefahren werden können. Auch nach der Entlassung hat die sogenannte Forensische Ambulanz Möglichkeiten der Hilfe und Kontrolle gleichermaßen. Pro Jahr gibt es etwa 10 bis 15 Entlassungen und Neuaufnahmen.

Sicherheit spielte im Forensischen Dorf eine große Rolle, unterstrich Pflegedienstleiter Stephan Lauterbach. So tragen beispielsweise alle Mitarbeiter ein Alarmsystem mit sich, das bei einer Auslösung der Zentrale die Position auf dem Gelände anzeigt und alle Mitarbeiter anfunkt. Zudem mache sich dann eine stets einsatzbereite Alarmgruppe auf den Weg. „Die Sicherheit im Forensischen Dorf ist höher als auf der Straße“, sagt Lauterbach. Jeder Mitarbeiter kenne die Krankheitsgeschichte jedes Patienten und dessen Fall. „Wir haben hier keine Unbekannten und können uns darauf einstellen“, sagt er.

Das Konzept des Dorfes war vor 30 Jahren äußerst modern. Hinter der Mauer sollte sich das Leben so weit wie möglich der Realität „draußen“ nähern. Die Patienten leben auch heute noch in Wohngruppen, essen in Gemeinschaft, gehen zur Arbeitstherapie. Auf dem Gelände gibt es Praxen für einen Hausarzt und einen Zahnarzt, eine Schule und Sportangebote. Neben der Therapie sollen Patienten auf ein Leben außerhalb der Mauern vorbereitet werden.

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