Schallopfer gründen Selbsthilfegruppe

Selbsthilfegruppe : Opfer von Infraschall tun sich zusammen

Vor sechs Jahren hörte Peter Paul Jaeger zum ersten Mal einen Pfeifton und ein pulsierendes Rauschen. Von Jahr zu Jahr, so sagt er, seien die Symptome schlimmer geworden. Mittlerweile fühle er Schmerzen wie Messerstiche in Magen und Kopf.

Der Maler- und Lackierermeister besuchte mehrere Ärzte, aber niemand sei der Ursache auf den Grund gekommen, meint Jaeger. Er selbst stellte dann fest, dass seine Schmerzen bei West- oder Südwestwind stärker sind. In dieser Richtung stehen von seinem Zuhause in Kreuzau aus gesehen die Windkraftanlagen in Brandenberg. Sie sind drei Kilometer entfernt, nicht hör- aber für Jaeger anscheinend spürbar. Der 57-Jährige sieht sich als Opfer des Infraschalls und möchte weiteren Betroffenen helfen.

Bei Infraschall handelt es sich um Schallfrequenzen unter 20 Hertz, die für Menschen unterhalb der Hörbarkeitsgrenze liegen. Diese niedrigfrequenten Schwingungen kommen in der natürlichen Umgebung vor, zum Beispiel bei Meeresbrandung, starkem Wind und Donner, werden aber auch von manchen Tieren wie Elefanten und Walen zur Kommunikation genutzt. Künstliche Quellen für Infraschall sind neben Windkraftanlagen Autos, Flugzeuge und Waschmaschinen. Die Auswirkungen von Infraschall auf den Menschen sind umstritten.

Das Bayerische Landesamt für Umwelt kommt in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2016 zu dem Schluss, dass Windenergieanlagen einen Infraschallpegel erzeugen, der deutlich unterhalb der Hör- und Wahrnehmbarkeitsgrenze des Menschen liegt und deshalb keine schädliche Wirkung hat. Solche Aussagen hält Jaeger für fatal, besonders weil sie von Ingenieuren und Technikern ohne medizinische Kenntnisse getroffen worden seien. Er verweist stattdessen auf die Arbeitsgruppe „Ärzte für Immissionsschutz“ (AEFIS), die sich mit immissionsbedingten Gesundheitsbeeinträchtigungen beschäftigt und vor den Risiken für die Gesundheit warnt.

So wie manche Menschen schnell einen Sonnenbrand bekämen und andere gar nicht empfindlich seien, verhalte es sich auch mit dem Infraschall: „Ich reagiere hochsensibel auf tieffrequente Geräusche“, sagt Jaeger und beschreibt, wie er sich bei starkem Wind im Winter vor Schmerzen krümme. Umso schlimmer ist es für ihn, von Ärzten oder Behörden nicht ernst genommen und zum Psychiater geschickt zu werden, so erzählt er es. „Da war ich. Es ist alles okay“, sagt er voll Groll. Ähnlich wie ihm gehe es auch vielen Anderen. „Einige Opfer trauen sich nicht, offen darüber zu sprechen, weil sie verspottet, diskriminiert und verhöhnt werden.“ Deshalb möchte Paul Jaeger den Schallopfern eine Stimme geben.

Er gründete den Verein „Deutsche Schutzgemeinschaft Schall für Mensch und Tier“ und lädt nun Betroffene und Interessierte aus den Kreisen Düren und Euskirchen sowie aus der Eifel zu einem Treffen ein, bei dem er auch eine Selbsthilfegruppe gründen möchte. Jaeger möchte Ansprechpartner sein für Menschen, die wegen Infraschall mit Depression oder Suizidgedanken kämpfen, möchte die Öffentlichkeit informieren und ein Umdenken in der Medizin, der Politik und Behörden bewirken. In anderen Ländern sei man bei der Erforschung des Infraschalls deutlich weiter. Jaeger: „In Deutschland kann sich das noch über Jahrzehnte hinziehen.“

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