Düren: Psychologin erklärt: Wie gelingt der digitale Kinderschutz?

Düren : Psychologin erklärt: Wie gelingt der digitale Kinderschutz?

„Wie haben Smartphones ihr Berufs-, Beziehungs- und Familienleben verändert? Streiten Sie häufiger mit ihren Kindern über die Mediennutzung, als sie früher mit ihren eigenen Eltern über ander Themen gestritten haben?“ Mit Fragen wie diesen brachte Referentin Julia von Weiler ihr Publikum gleich zu Beginn zum Grübeln.

Die Diplom-Psychologin arbeitet für den Verein „Innocence in Danger“, der sich gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und gegen die Verbreitung von Kinderpornografie einsetzt. „Sexuelle Gewalt mittels digitaler Medien“ lautete das Thema der Infoveranstaltung, zu welcher der Verein „Basta“ in die Sakristei der evangelischen Gemeinde eingeladen hatte.

Rund 20 Interessierte, die beruflich, ehrenamtlich oder privat mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, waren der Einladung gefolgt. Für sie hatte von Weiler einige wachrüttelnde Zahlen, amüsante Videos und praktische Tipps zu Prävention und Intervention. Die Frage, die den Abend bestimmte, war: Fördern oder gefährden digitale Medien die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Am Ende musste man zu dem Schluss kommen: Sie tun beides.

Die Diplompsychologin erklärte anschaulich, wie das Smartphone — sei es durch Video-Telefonie oder die WhatsApp-Gruppe mit der Familie — eine sichere Verbindung nach Hause sei. Dank dieser „Nabelschnur“ falle es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen leichter, in die Welt hinaus zu ziehen, ist ihre Einschätzung. Gleichzeitig unterbreche oder störe die Smartphone-Nutzung die persönliche Beziehungsaufnahme.

Ein häufiges Risiko sei eine Fehleinschätzung von Erwachsenen: „Oft verwechseln wir Anwenderkompetenz mit Medien- oder Lebenskompetenz“, sagt von Weiler. Natürlich könnten die meisten Jugendlichen besser mit Smartphone und Tablet umgehen als ihre Eltern, aber trotzdem fehle ihnen oft die Fähigkeit, die Konsequenzen des eigenen Handelns — zum Beispiel bezogen auf Datenschutz oder Persönlichkeitsrechte — abzuschätzen.

Aufklärungsarbeit leistete Julia von Weiler besonders beim Thema Sexting, also dem Versenden freizügiger Fotos. Sie wies darauf hin, dass es unterschiedliche Begriffe für Geschlechtsverkehr und Vergewaltigung gebe, beim Sexting jedoch bisher nicht differenziert werde, obwohl es sich dabei um beides handeln kann — den einvernehmlichen Austausch von Nacktfotos, aber auch die ungefragte Weitergabe oder gar Veröffentlichung von Bildern.

Wichtig war der Spezialistin auch, die Anwesenden darauf hinzuweisen, dass es sich keinesfalls um ein Jugendphänomen handele, sondern natürlich auch Erwachsene solche Bilder versenden. Von Weiler: „Laut einer Studie sexten in Deutschland rund 55 Prozent der Erwachsenen.“

Wie bei jedem sexuellen Kontakt gebe es Risiken, derer sich die Jugendlichen bewusst sein sollten, fuhr sie weiter aus. Zwar bestünde im Vergleich zum Sex nicht die Gefahr einer Ansteckung oder ungewollten Schwangerschaft, aber die der ungewollten Verbreitung. Und auch wenn viele solcher Fotos von den späteren Opfern selbst aufgenommen wurden, so ist deren Verbreitung nicht freiwillig geschehen.

Das Teilen solcher Fotos sei Gewalt und daran sei nicht das Opfer schuld“, stellte sie deshalb ausdrücklich klar. Sie gab den Pädagogen den Ratschlag: „Setzen Sie sich mit dem auseinander, was die Kinder am Smartphone machen, fragen sie mal nach. Bleiben Sie neugierig auf die Lebenswelten der Jugendlichen. Die brauchen einfühlsame und informierte Ansprechpartner, denen sie bei einem Problem nicht erst die Grundlagen erklären müssen.“

(wel)