Düren: Postcrossing: Karten von Fremden aus aller Welt

Düren: Postcrossing: Karten von Fremden aus aller Welt

Während bei anderen Menschen der Briefkasteninhalt zu gefühlten 95 Prozent aus Rechnungen und Werbung besteht, freut sich Daniel Potempa häufig über farbenfrohe Grüße aus aller Welt. Die Postkarten kommen aus Taipeh oder Minsk, New York oder Prag, Zwolle oder Zülpich. 120 Postkarten waren es in etwa einem Jahr — und als wäre die Anzahl der Karten nicht schon außergewöhnlich genug: Die Absender sind Daniel Potempa völlig fremd.

Sie haben sich weder gesehen, noch bislang voneinander gehört. Was Daniel Potempa und die anderen Menschen aus aller Welt verbindet, ist: Postcrossing. Sie sind Teil eines weltumspannenden Netzwerks von Menschen, die sich Postkarten schicken — ganz analog mit Stift auf Papier und einer Briefmarke in der Ecke oben rechts.

Allerdings funktioniert auch der weltweite Postkartentausch nicht ohne Internet. Das Prinzip von Postcrossing ist simpel: Nach der Registrierung auf der Postcrossing-Homepage erhält man die Adresse eines anderen Mitglieds. Jeder Postkarte wird dabei eine Identifikationsnummer (ID) zugewiesen, damit sie sich eindeutig zuordnen lässt. Damit das Postcrossing-Prinzip funktioniert, muss die jeweilige ID auf der Karte notiert werden.

Ist die Postkarte beim Empfänger angekommen, registriert dieser die ID der Karte auf der Postcrossing-Internetseite, quasi als Beleg dafür, dass der andere tatsächlich eine Karte auf den Weg gebracht hat. Nun erhält ein anderer Postcrosser die Adresse desjenigen, der gerade eine Postkarte verschickt hat. Und so geht es immer weiter.

Der Student Daniel Potempa hat im Fernsehen einen Beitrag über Postcrossing gesehen und hat es ausprobiert. „Seitdem freue mich jeden Tag darauf, zum Briefkasten zu gehen“, sagt Potempa. Es sei schön, Eindrücke aus aller Welt zu erhalten und selbst nochmal „etwas von Hand zu verschicken“. Die Postkarten geben kleine Einblicke in andere Kulturen — und natürlich schaut Daniel Potempa nach, wo die Orte liegen, aus denen ihn die Grüße erreichen, als Weiterbildung in Geografie sozusagen.

So altmodisch diese Form der Kommunikation in Zeiten von Facebook, WhatsApp und Co. auch anmuten mag — sie hat viele Fans. Rund 18 Millionen Postkarten sollen nach einer Vermittlung des Portals bereits versendet worden sein. Derzeit sind mehr als 429.000 Menschen aus 214 Ländern bei dem Online-Portal registriert, aus Düren sind es 41. Die meisten von ihnen stammen aus Russland, den USA, China und Taiwan. Deutschland folgt auf Platz fünf — beim Verschicken von Postkarten führen die Deutschen allerdings die Rangliste an.

„Die Absender aus asiatischen Ländern gestalten die Karten besonders liebevoll“, findet Potempa. „Allein die Handschrift ist dort oft ein kleines Kunstwerk.“ Geschrieben werden die Karten — mit Ausnahme der Inlandskarten — in englischer Sprache. Aber was schreibt man einem völlig fremden Menschen, dessen Adresse man mittels eines Algorithmus zugeteilt bekommen hat?

„Viele schreiben etwas über sich selbst oder über die Stadt, in der sie leben“, erklärt der Postcrosser. So hat er von einer Russin eine Karte bekommen, die deren Lieblingskunstwerk in einem Moskauer Museum zeigt. Eine Rentnerin, die auf Menorca lebt, hat Grüße geschickt.

„Erwartungen übertroffen“

Er selbst verschickt oftmals Karten mit Motiven aus Köln, Düren oder Aachen. „Manche Menschen schreiben in ihrem Profil genau, was sie haben wollen“, erklärt Potempa. So hat er jüngst einer Frau geschrieben, die unbedingt Motive mit Gartenzwerg erhalten wollte. „Aber nicht alle Wünsche lassen sich erfüllen.“ 20 bis 25 Karten schreibt der Dürener pro Monat. Jüngst hat er einem Bananenbauer aus Ghana eine Karte geschickt. Aber in seiner Sammlung fehlt der afrikanische Kontinent bislang.

„Auf jeden Fall wecken die Karten immer aufs Neue die Lust aufs Reisen“, erzählt Potempa. Besonders freut er sich derzeit über Post aus Prag. Denn dort wird der Student im kommenden Jahr für sechs Monate leben — und dann Motive dieser Stadt in alle Welt verschicken. Bedankt wird sich für die Post übrigens wieder digital über das Internetportal. „Es gibt aber auch Menschen, die über diesen Weg Brieffreundschaften schließen“, erklärt der Dürener.

Erfinder von Postcrossing ist der gebürtige Portugiese Paulo Magalhães, der das Projekt 2005 gegründet hat. Aus dem Hobby zu Studienzeiten wurde ein Vollzeitjob für den heute 32-Jährigen. „Postcrossing.com war angedacht als kleine Webseite, aber es hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen“, schreibt Magalhães auf seiner Homepage. Das Ziel des Informatikers: Menschen auf der ganzen Welt über Postcrossing miteinander verbinden — unabhängig von Alter, Geschlecht, Wohnort, Glaube oder Nationalität.

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