Düren: Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern

Düren: Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern

Manchmal bleibt überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Manchmal bleibt gerade genug Zeit, das Richtige zu tun, auch wenn Leib und Leben in Gefahr sind. Dafür entschieden haben sich Chems-Eddine Kabani, Lehrer an der Hauptschule St. Josef, und seine Schüler Fabian Aydin, Mohammad Khalaf und Ziyacan Tozlu - ohne eine Sekunde zu zögern.

Weil sie einer schwangeren Frau das Leben gerettet haben, sind die Vier - wie berichtet - von Schulministerin Sylvia Löhrmann in Düsseldorf ausgezeichnet worden. Neben anderen engagierten Menschen.

Innerhalb weniger Sekunden

Doch zurück zum Anfang der Geschichte: Es ist der 7. Juni 2010, 23.30 Uhr, auf einer Autobahn nahe der französischen Stadt Nimes. Eine zehnte Klasse der Hauptschule befindet sich auf dem Rückweg von der Abschlussfahrt nach Lloret de Mar. Ganz unvermittelt springt ein junger Mann vor die Frontscheibe des Reisebusses. „Alle haben geschlafen”, erinnert sich Fabian (17). „Auf einmal ruckelt der Bus, und wir nehmen zuerst an, dass ein Reifen geplatzt sein könnte.” In Wirklichkeit hat der junge Mann gerade auf der Straße Selbstmord begangen.

Durch den Aufprall gerät das Auto hinter dem Bus der Schüler ins Schlingern, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Die Jugendlichen bleiben unverletzt. Alles geschieht innerhalb weniger Sekunden. Lehrer Kabani stürmt sofort nach draußen, um die Lage einzuschätzen. Die Frau im Unfallwagen ist schwanger, kann sich nicht aus eigener Kraft befreien. Rauch quillt aus dem Fahrzeug.

Kabani schafft es nicht allein, die Frau aus dem Wagen zu bergen. Er läuft zurück in den Bus, ruft nach Hilfe. Sofort schließen sich Fabian, Mohammad und Ziyacan ihrem Lehrer an. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen schließlich, eine Autoscheibe mit den Füßen zum Zerbersten zu bringen und die Schwangere herauszuziehen. Ziyacan (17) verletzt sich dabei am Knie, Mohammad (18) am Wadenbein. Ein Preis, den sie nur zu gerne zu zahlen bereit sind. Denn der Frau und ihrem ungeborenen Kind geschieht nichts.

Nach der Rettungsaktion verbringen die Dürener Schüler die Nacht in einer Turnhalle im nahegelegenen Nimes. „Wir sind vom Roten Kreuz wirklich gut versorgt worden”, sagt Fabian. Den Schock, mit Tod und Schrecken konfrontiert worden zu sein, hat er wie die anderen auch ganz gut verarbeitet. Nur eine Sache kann Mohammad immer nicht so recht verstehen: „Viele Autos sind einfach vorbeigefahren, und an der Unfallstelle standen Leute, die nur gegafft haben.”

Während der ganzen Nacht und der Rückfahrt am nächsten Morgen stand Chems-Eddine Kabani im ständigen Kontakt mit Schulleiter Stefan Wernerus. Der wiederum beruhigte die Eltern der Schüler. Später nahm er die Rückkehrer an der Schule in Empfang. Er lobt sie: „Das ist eine hervorragende Leistung gewesen.” Wernerus schaltete später den schulpsychologischen Dienst und eine Mitarbeiterin der Trauma-Station im Birkesdorfer Krankenhaus ein, so dass die Jugendlichen ihre Erlebnisse in Einzel- oder Gruppengesprächen aufarbeiten konnten.

Ob er jemals Angst verspürt habe? Lehrer Kabani: „Ich hatte nur Angst um meine Schüler.”

„Beispielhaft und vorbildlich verhalten”

In einer Zeremonie mit Schulministerin Sylvia Löhrmann sind Chems-Eddine Kabani, Lehrer an der Hauptschule St. Josef, und die Schüler Fabian Aydin, Mohommad Khalaf und Ziyacan Tozlu für ihre Rettungstat ausgezeichnet worden - neben 57 weitere Personen.

Auch der damalige Regierungspräsident Hans Peter Lindlar hatte den vier Dürenern bereits in einem Brief gedankt: „Sie haben sich durch Ihre couragierte, selbstlose Rettung eines Menschen, ohne dabei an eigenes Risiko zu denken, beispielhaft und vorbildlich verhalten.”

Mehr von Aachener Zeitung