Boich: Obsternte in Boich unter Dach und Fach

Boich: Obsternte in Boich unter Dach und Fach

Die Himbeeren sind reif und müssen gepflückt werden. Nico wuchtet 14 kleine Trittleitern auf die Ladefläche eines weißen Kleinlasters und fährt damit los. Nico, der seinen Nachnamen nicht verraten möchte, ist einer von rund 40 Erntehelfern, die von Februar bis in den Herbst hinein auf dem Obsthof von Andrea und Hans-Peter Wollseifen in Kreuzau-Boich kräftig mit anpacken.

Sobald die Sonne aufgeht, werden die Erntehelfer aktiv. Zunächst treffen sie sich in einer großen Halle, die voller Paletten und Obstkisten steht. Einige wenige Worte werden gewechselt, die einzelnen Handgriffe sitzen bereits, das Erntejahr ist Mitte August schon weit fortgeschritten. Manche der Erntehelfer, die alle so gut wie kein Deutsch sprechen und aus Rumänien stammen, gehen zu Fuß zum Arbeitsplatz, andere fahren auf Anhängern mit.

Vorsichtig zupfen die Erntehelfer beispielsweise die Himbeeren ab. Foto: Gudrun Klinkhammer

Für die Arbeit als Pflücker sind zwei Punkte besonders wichtig: Zum einen die Gelenkigkeit des Körpers, um alle Früchte zu erreichen, und zum zweiten das Fingerspitzengefühl. Gerade die reifen Himbeeren sind sehr druckempfindlich. Vorsichtig müssen sie vom Stiel gelöst werden. Drückt die erntende Hand sie zu fest, werden die Früchte schnell zu Saft. Jeder Erntehelfer hat einen Rucksack dabei, um Punkt zwölf Uhr wird Mittag gemacht und Brote und Getränke ausgepackt.

Hans-Peter Wollseifen übernahm den Betrieb von seinem Vater. Foto: Gudrun Klinkhammer

Bei der Arbeit wird nicht viel gesprochen. Einige hören über Ohrstöpsel Musik, andere wirken konzentriert oder sinnieren vor sich hin. Nico berichtet: „Nach der Arbeit gehen wir spazieren oder schlafen.“ Zwar besitzt er einen Führerschein, aber kein Auto. Gelegentlich steht eine Fahrt mit der Bahn nach Düren auf dem Programm, weiter geht es nicht.

Das Gelände des Obsthofes Wollseifen ist 50 Hektar groß, das ist so groß wie eine kleine Stadt. Nur bestehen die Blöcke nicht aus Häusern, sondern aus Sträuchern und Bäumen. Auf 1,5 Hektar Fläche wachsen zwei Meter hohe Himbeerhecken. Auf neun Hektar Fläche gibt es Äpfel, weiter Birnen, Heidelbeeren, Brombeeren, Erdbeeren, Pflaumen und Aprikosen. Hans-Peter Wollseifen sagt: „16 verschiedene Sorten Äpfel bauen wir an, leider werden alte Sorten wie Berlepsch oder Cox Orange nicht mehr gefragt.“

Das Essverhalten der Konsumenten hat sich verändert. Ganze Kisten mit Früchten gehen nicht mehr über die Ladentheke, um in Einmachgläsern oder Vorratskammern zu landen. Hans-Peter Wollseifen beobachtet: „Der Konsument möchte heute etwas auf die Hand zum direkten Verzehr haben, daher lagern wir das Obst inzwischen selber ein und verkaufen es rund um das Jahr. Früher war das Jahr mit dem Verkauf der Weihnachtsbäume beendet und begann erst wieder im Frühjahr.“

Nachdem im Jahr 1999 ein Hagelschauer die Ernte in Boich zunichte gemacht hatte schaute sich der Gärtnermeister mit Schwerpunkt Obstanbau um. Der 56-Jährige weiß: „Die Ware muss heute mehr denn je optisch stimmen.“ In Tirol und Bayern wurde der Unternehmer fündig. Die Obstbauern dort schützen ihre Pflanzen mit speziellen Netzen vor Starkregen und Hagel.

Auch Wollseifen ließ Netze spannen, das System hat sich bewährt. Verhagelte Ernten gibt es keine mehr. Doch andere Probleme stehen an. Hans-Peter Wollseifen, der von Geselle Guido Göntgen und Lehrling Michael Schenz unterstützt wird, sagt: „Der vergangene Winter war schwach, es gab keinen Frost. Zudem regnete es bis Juni extrem wenig, aber dann kam der Regen knüppeldick.“ Die Aprikosen und Pflaumen platzten auf, die Erdbeeren faulten. Das Jahr habe vielversprechend angefangen, sei dann aber buchstäblich ins Wasser gefallen.

Es gibt allerdings auch Makel der Natur, die kann der Obstbauer mit ungefährlichen Mitteln kaschieren. Fehlen den Äpfeln während des Reifeprozesses kalte Nächte, dann entwickeln sie keine roten Backen. Eine Düngergabe mit Kaliumphosphat sorgt dafür, dass aus einem blassen Apfel doch noch eine errötende Schönheit wird. Wollseifens Vater Martin gründete den Betrieb, nachdem er aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt war.

Im Krieg in Frankreich hatte der Senior den dortigen Obst- und Gemüseanbau kennengelernt und brachte die fremden Kenntnisse mit in die Heimat. Erntehelfer beschäftigt das Familienunternehmen schon seit Jahrzehnten. Zunächst seien es Frauen aus dem Ort gewesen, die auf den Feldern halfen, heute sind es in der Mehrzahl Saisonarbeiter aus Rumänien, die auf dem Obsthof dafür sorgen, dass die reifen Früchte rechtzeitig geerntet werden.