Oberbolheim wurde 1969 wegen des Fliegerhorstes Nörvenich umgesiedelt

Umsiedlung wegen des Fliegerhorstes : Wenn ein ganzes Dorf freiwillig umzieht

Oberbolheim ist der einzige Ort Nordrhein-Westfalens, der wegen eines Fliegerhorsts umgesiedelt wurde. Der Umzug des Dorfes, der auf Wunsch der Bürger stattfand, jährt sich zum 50. Mal.

Es war am am 25. Januar 1962: Hauptmann Lutz Tyrkofski aus Kempen versuchte, seine Maschine hochzureißen. Aber es hat nicht geklappt. Das Triebwerk des F-104-Starfighters war ausgefallen. Die schwere Maschine raste in die Lagerhalle einer landwirtschaftlichen Trockenanlage im Nörvenicher Ortsteil Oberbolheim, durchschlug das zweite Stockwerk und explodierte in der Halle. Lutz Tyrkofski war sofort tot. Sein Flugschüler, Oberstleutnant Horst Völter aus Würzburg, konnte in letzter Sekunde den Schleudersitz betätigen und sich retten. Er wurde nur leicht verletzt.

Dieser erste Absturz eines Starfighters in Oberbolheim sollte nicht der letzte sein, es gab wenige Jahre später einen zweiten. Er war aber ein erster Tiefpunkt in einer langen Leidensgeschichte der damals rund 200 Einwohner des kleinen, landwirtschaftlich geprägten Dorfes. Und er war der Beginn eines fünf Jahre dauernden, erbitterten Kampfes der Bürger für die Umsiedlung ihres Ortes.

Erst 1967 erklärte sich das Bonner Verteidigungsministerium bereit, die Umsiedlung zu finanzieren. Rund 25 Millionen Mark, also ungefähr das, was damals drei Starfighter wert waren, hat der Umzug der Oberbolheimer gekostet. Bis heute ist Oberbolheim die einzige Gemeinde in ganz Nordrhein-Westfalen, die wegen eines Fliegerhorstes umgesiedelt wurde. Und die einzige im Kreis Düren., die freiwillig ihre angestammte Heimat verlassen hat. 1969, also vor genau 50 Jahren, war das Projekt abgeschlossen. Der alte Ort wurde bis auf die aus frühchristlicher Zeit stammende Kapelle des Heiligen Antonius’ komplett abgerissen. Aber der Reihe nach.

Anfang 1952 wurde bekannt, dass im Nörvenicher Wald ein Flugplatz für die britische Royal Airforce gebaut werden sollte, im Juli 1953 begannen 70 bayerische Holzfäller mit den notwendigen Rodungsarbeiten. Ein Jahr später landeten die ersten britischen Flieger in der Neffeltalgemeinde. „Nörvenich“, sagt Karl-Heinz Jansen vom Heimat- und Geschichtsverein, „hatte eine strategisch gute Lage. Es war und ist der westlichste Militärflughafen der Bundesrepublik.“ Bereits im Dezember 1955 übernahm die Bundeswehr den Flugplatz, am 13. Januar 1958 landete die erste deutsche Maschine in Nörvenich.

„Oberbolheim“, ergänzt Jansen, „lag genau in der Einflugschneise des Fliegerhorstes. Das Dorf hatte damals eine gute Gemeinschaft, zwei große landwirtschaftliche Güter, eine eigene Schule und sogar eine Bahnstation. Aber der militärische Flugverkehr hat es den Menschen unmöglich gemacht, weiter dort zu leben. Sie sind regelrecht krank geworden.“ Jansen berichtet von Flugzeugen, die beim Starten und Landen weniger als 20 Meter Abstand zu den Häusern hatten, von klirrenden Fensterscheiben und unglaublichem Lärm. „Es war für die Menschen wirklich unerträglich. Die Flugzeuge waren so laut, dass beispielsweise Schulunterricht quasi unmöglich war. Und als Entschädigung gab es für die Kinder nur eine Woche Ferien in der Eifel. Deswegen hat der Ort so für seine Umsiedlung gekämpft.“ Besonders der damalige Ortsbürgermeister Theo Berger hat sich dafür eingesetzt. Günter Eulberg, heutiger Ortsvorsteher, erzählt: „Theo Berger ist mit den Oberbolheimern auf die Hardthöhe nach Bonn gefahren, um mit schwarzen Fahnen vor dem Bundesverteidigungsministerium zu demonstrieren.“ Die streitbaren Männer und Frauen haben eine Landtagswahl boykottiert und damit gedroht, auf einer Startbahn des Fliegerhorstes eine Sitzblockade zu machen. „Das hätte natürlich nicht funktioniert“, sagt Jansen, „weil sie gar keinen Zutritt zum Fliegerhorst bekommen hätten. Und 200 Wähler mehr oder weniger bei einer Landtagwahl sind auch nur bedingt ins Gewicht gefallen. Aber es ist den Oberbolheimern immerhin gelungen, auf sich aufmerksam zu machen.“

Eine neue Stele erinnert an die Umsiedlung. Foto: ZVA/Sandra Kinkel, Karl-Heinz Jansen

Zerrissenheit

Nicht alle Oberbolheimer sind damals in den neuen Ort, der nur wenige Kilometer vom süd-östlichen Ortsrand von Nörvenich entstanden ist, gezogen. „Die Umsiedlung“, sagt Jansen, „hat das Dorf irgendwie schon zerrissen. Die Gemeinschaft, die Oberbolheim vorher ausgemacht hat, hat schon sehr gelitten.“ Zeugnis für die Zerrissenheit Oberbolheims ist eine Skultptur des berühmten Künstlers Ulrich Rückriem, die noch heute in einem Waldstück in unmittelbarer Nähe zum Fliegerhorst liegt. Jansen: „Der große Stein ist vier geteilt und zeigt, dass die Menschen sich nicht unbedingt einig waren.“

Heute haben die Oberbolheimer Frieden mit dem Taktischen Lufwaffengeschwader 31 „Boelcke“ gemacht. Günter Eulberg: „Heute fliegen sehr viel weniger Flugzeuge als früher. Die Maschinen starten immer gegen den Wind, und der neue Ort ist dank des Waldes schon geschützt.“ Der Lärm ist für die Menschen im neuen Oberbolheim kaum noch ein Problem. Darüber hinaus ergänzt der SPD-Politiker sei das Luftwaffengeschwader für Nörvenich natürlich ein Wirtschaftsfaktor. „Und ein großer Arbeitgeber“, sagt Eulberg. „Immerhin arbeiten dort 950 Soldaten und 250 zivile Mitarbeiter.“

Übrigens wollten auch die Menschen in Niederbolheim seinerzeit umgesiedelt werden. „Das hat aber nicht funktioniert“, sagt Karl-Heinz Jansen. „Darauf hat sich die Bundeswehr nicht eingelassen.“