Nörvenich: Nörvenichs Bürgermeister über Doppelspitzen und desolate Finanzlagen

Nörvenich: Nörvenichs Bürgermeister über Doppelspitzen und desolate Finanzlagen

So richtig kann Nörvenichs Bürgermeister Hans Jürgen Schüller von seinem Job nicht lassen. 21 Jahre lang hat er die Geschicke der Gemeinde geprägt — und das gerne, wie er im Interview mit Sandra Kinkel bekennt.

Schüller gilt bis heute als Verfechter der Doppelspitze und spricht sich dafür Mindestqualifikationen für Bürgermeister aus.

Wie fühlen Sie sich knapp einen Monat vor Ihrer Pensionierung?

Hans Jürgen Schüller: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe über 50 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet, und irgendwann muss man einfach aufhören. Mein Gefühl ist zwiespältig. Ich freue mich, wenn ich mit den unangenehmen Seiten meiner Arbeit nichts mehr zu tun habe und ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann.

Was waren das für unangenehme Seiten?

Schüller: Bürgermeister zu sein ist schon ein sehr zeitintensiver Beruf. Ich bin seit 1999 Bürgermeister und war vorher sieben Jahre Gemeindedirektor in Nörvenich. Ich habe aufgrund der mangelnden Finanzausstattung der Gemeinde immer nur schwierige Zeiten erlebt. Das ist natürlich alles andere als schön.

Trotzdem haben Sie bis zu Ihrem 71. Lebensjahr gearbeitet.

Schüller: Ja, ich habe gerne gearbeitet und habe das auch gesundheitlich gut verkraftet.

Das heißt über ein späteres Renteneintrittsalter braucht man mit Ihnen gar nicht zu diskutieren?

Schüller: Das sollte man den Menschen selbst überlassen. Es kommt ganz entscheidend auf die Art der Tätigkeit an, ob man lange arbeiten kann oder nicht. Tatsache ist aber, dass viel Erfahrung verloren geht, wenn die Leute in Ruhestand gehen. Und diese Ressourcen sollten wir nutzen, wenn die Menschen bereit sind, länger zu arbeiten.

Wer freiwillig und gerne bis zu seinem 71. Lebensjahr arbeitet, muss einen tollen Beruf haben. Ist Bürgermeister von Nörvenich Ihr Traumberuf?

Schüller: Dass ich Bürgermeister geworden bin, ist ja eher ein Zufallsprodukt. Ich habe 25 Jahre beim Innenministerium gearbeitet und bin dann Gemeindedirektor in Nörvenich geworden. Als dann die Doppelspitze abgeschafft worden ist, wollte ich hier gerne weiterarbeiten. Deshalb bin ich als Bürgermeisterkandidat angetreten. Aber ganz ehrlich, ich hatte nie den Drang in die Öffentlichkeit. Aber natürlich habe ich mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt.

Klingt, als seien Sie ein Verfechter der Doppelspitze, also einem hauptamtlichen Verwaltungschef und einem ehrenamtlichen Bürgermeister.

Schüller: Ja, ich bin ein großer Verfechter der Doppelspitze, weil die viel effektiver war. Leider wird für den Posten des Bürgermeisters keine wirkliche Qualifikation gefordert. Wer genügend Unterstützer hat, kann Bürgermeister werden. Das finde ich nicht richtig.

Was schlagen Sie vor?

Schüller: Bürgermeister müssen auch eine gewissen Qualifikation haben. Zumindest sollten sie über die Fähigkeiten verfügen, die auch für den gehobenen Verwaltungsdienst erforderlich sind. Bürgermeister brauchen zum Beispiel gute Kenntnisse in Tarif- und Beamtenrecht. Wenn sich da ein Quereinsteiger erst einarbeiten muss, geht viel Zeit verloren.

Haben Sie es jemals bereut, Bürgermeister geworden zu sein?

Schüller: Eigentlich nicht. Das ist schon ein sehr schönes und auch besonderes Amt. Der Bürgermeister steht an der Spitze der Gemeinde und ist in vielen Dingen gefragt. Bei Gemeinden unserer Größenordnung muss er aber auch richtig praktisch mitarbeiten.

Was glauben Sie bleibt den Menschen von 23 Jahren Hans Jürgen Schüller in Erinnerung?

Schüller: Ich habe keine große Hoffnung, dass die Menschen sich an allzu viel erinnern. Trotzdem ist natürlich trotz der desolaten Haushaltslage sehr viel passiert. Ich möchte da nur unser voll belegtes Gewerbegebiet nennen, das immerhin 200 Menschen einen Arbeitsplatz bietet. Oder die wichtigen Radwegeverbindungen zwischen Rommelsheim und Binsfeld und zwischen Eschweiler über Feld und Nörvenich sowie guten Einkaufsmöglichkeiten für unsere Bürger. Es war immer die Kunst, in Nörvenich ohne Geld etwas zu erreichen.

Sie haben die desolate Finanzlage schon angesprochen. Wieso hatte Nörvenich nie Geld?

Schüller: Das liegt daran, dass Nörvenich in Nordrhein-Westfalen liegt. Hier war die finanzielle Ausstattung der Kommunen immer schlecht, zum Beispiel deshalb, weil die Städte im Ruhrgebiet eine wichtigere Rolle gespielt haben als die ländlichen Kommunen. Das hat mich schon immer sehr geärgert. Nörvenich mit seinen knapp 11 000 Einwohnern hat eine verhältnismäßig üppige Infrastruktur mit vielen Bürgerhallen und Fußballplätzen. Das können wir nicht einfach abschaffen.

Sie waren der einzige Bürgermeister im Kreis, der für die beitragsfreien Kindergartenjahre war, die der Landrat eingeführt hat. Warum?

Schüller: Ganz einfach: Weil es wichtig ist, für die jungen Leute etwas zu tun.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger Dr. Timo Czech mit auf den Weg?

Schüller: Ich möchte ihm weder Vorschriften machen noch gute Ratschläge erteilen. Timo Czech hat eine ganz andere Vita als ich, er kommt aus der Wirtschaft und ist jung und innovativ. Er muss und wird seinen Weg selbst gehen.

Glauben Sie, dass es für einen Mann aus der Wirtschaft schwer ist, eine Verwaltung zu führen?

Schüller: Ja. Wir Verwaltungsleute denken auch wirtschaftlich, aber gewisse Dinge sind einfach nicht möglich. Wir können nicht einfach unrentable Geschäftszweige abstoßen. Und auch was die Menge an Personal angeht, haben wir hier im Nörvenicher Rathaus die Belastungsgrenze erreicht.

Wie werden Sie Ihren Ruhestand mit Leben füllen?

Schüller: Ich bleibe natürlich mit meiner Frau in Nörvenich wohnen. Wir fühlen uns in der Gemeinde sehr wohl. Sicherlich werden wir häufiger in unser Ferienhaus im Schwarzwald fahren und viel Zeit mit unserem sechs Monate alten Enkelkind verbringen.

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