Niederzier: Niederzier: Die „Neue Mitte“ wirkt wie ein Magnet

Niederzier: Niederzier: Die „Neue Mitte“ wirkt wie ein Magnet

Fast täglich, vor allem am späten Nachmittag und vor Wochenenden, das gleiche Bild: Auf dem Parkplatz der „Neuen Mitte“ findet sich kaum mehr ein freies Plätzchen. Ein Zeichen, dass die Gemeinde mit dem 2006 vom später verstorbenen Bürgermeister Hartmut Nimmerrichter visionär geplanten und Ende 2011 eröffneten Fachmarktzentrum den Zeitgeist getroffen hat.

Supermärkte, Drogeriemarkt, Textildiscounter — alles fußläufig von einem Parkplatz aus erreichbar: „Das ist es, was die Menschen heute suchen“, freut sich Nimmerrichters Nachfolger Hermann Heuser über den Erfolg des Projekts, das zwischen Hambach und Ellen einen Einzugsbereich von fast 10.000 Einwohnern abdeckt.

Ellen: Dorfladen oder Bürgerbus?

Die Einzelhandelssituation in der Gemeinde lässt auch bei den Befragten des Kommunalchecks kaum Wünsche offen, gibt es doch neben der „Neuen Mitte“ seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Gewerbegebiet Rurbenden an der B 56 in Huchem-Stammeln noch einen zweiten Schwerpunkt mit einem ähnlich breiten Angebot. „Und das wird in den kommenden Monaten auch noch einmal aufgewertet“, kündigt Heuser an.

Einzig die Bemühungen der Gemeinde, in Ellen einen Lebensmittelmarkt anzusiedeln, waren in der Vergangenheit erfolglos. Selbst das Angebot, ein Grundstück für einen Euro zur Verfügung zu stellen, konnte keine Handelskette anlocken. Über Alternativen wie einen „Dorfladen“ oder einen Bürgerbus wird daher in Ellen bereits seit längerem nachgedacht. Allerdings setzt das bürgerschaftliches Engagement voraus, betont Heuser.

Die „Neue Mitte“ wirkt aber nicht nur mit ihrem Fachmarktzentrum wie ein Magnet. Auch die Nachfrage nach Baugrundstücken am Schnittpunkt der Ortschaften Niederzier und Oberzier hat alle Erwartungen übertroffen. Für Hermann Heuser kein Wunder: „Junge Familien finden in der Nähe U3-Betreuungsplätze in zwei Kindergärten, eine gut aufgestellte Gesamtschule und einen acht Hektar großen Freizeitpark mit Spielgeräten und einer Beachvolleyballanlage.“ Um der Nachfrage Herr zu werden, denkt die Gemeinde daher schon über weitere Baugebiete nach, unmittelbar im Anschluss an die „Neue Mitte“.

Heuser weiß aber auch, dass der Flächenverbrauch mit Blick auf die rückläufigen Bevölkerungszahlen Grenzen haben wird. Es gilt daher auch in Niederzier, ein anderes Problem in den Griff zu bekommen: Leerstände in Alt-Ortslagen sind längst keine Seltenheit mehr. „Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern und Anreize schaffen, damit auch hier wieder investiert wird“, spricht Heuser von einer Herausforderung, bei der auch Bund und Land gefordert seien.

Sieben Kindergärten, vier Grundschulen, mehr als 30 Spiel- und Bolzplätze, zwölf Fußballplätze, fünf Turnhallen, Bürgerhäuser in allen Orten, Skateranlagen — infrastrukturell kann sich die einzige schuldenfreie Gemeinde der Region nicht zuletzt angesichts ihrer seit Jahren hervorragenden Finanzausstattung sehen lassen; auch wenn mit dem Bad in Hambach nun eines von zwei Lehrschwimmbecken nicht mehr saniert werden soll. Dass es einem Drittel der DZ-Befragten an nichts mangelt, verwundert daher nicht.

Selbst die in die Jahre gekommenen Abwasserkanäle sind mittlerweile wieder in einem guten Zustand. Rund acht Millionen Euro hat die Kommune in den vergangenen Jahren vor allem in Huchem-Stammeln investiert; um in einem Aufwasch mit den Straßenzügen auch ohne die andernorts üblichen Anliegerbeiträge das Straßenbild zu verschönern.

Und auch die ärztliche Versorgung ist besser als so manche Verlautbarung des NRW-Gesundheitsministeriums erwarten lässt. „Wir haben sechs Allgemeinmediziner und drei Zahnärzte in der Gemeinde“, kann Heuser selbst mittelfristig keinen Mangel erkennen. Mehr noch: Das im Ursprungskonzept der „Neuen Mitte“ enthaltene, aber immer noch nicht realisierte Gesundheitszentrum soll in „absehbarer Zeit“ doch noch gebaut werden, kündigt der Bürgermeister an. Damit wäre das Zukunftsprojekt fast abgeschlossen. Inwieweit dann auch die zum Teil auch von den DZ-Lesern vermissten Fachärzte Dependancen eröffnen, muss sich zeigen.

Rund 100 Arbeitsplätze sind bislang allein in der „Neuen Mitte“ entstanden, über etwa 5000 verfügt die Tagebaugemeinde insgesamt. „Kaum eine Kommune in unserer Größenordnung hat so viele Arbeitsplätze“, blickt Heuser beispielsweise auf den gelungenen Strukturwandel im in den 70er Jahren entstandenen Gewerbegebiet Rurbenden. Auch wenn RWE Power größter Arbeitgeber ist, „eine Monostruktur haben wir nicht“. Dass trotzdem mit Blick auf neue Arbeitsplätze schon jetzt der Fokus auch auf die Zeit nach der Braunkohle gerichtet werden muss, steht für Heuser außer Frage.

Ist denn alles einfach nur optimal? Ein Problem ist die Luftverschmutzung. Neben Kohlenstaub aus dem Tagebau ist der gesundheitsgefährdende Feinstaub seit Jahren ein Thema. Den Grenzwertüberschreitungen will die Bezirksregierung Köln mit einem Luftreinhalteplan Herr werden. Der Tagebau Hambach ist als einziger greifbarer Verursacher für 25 Prozent des Feinstaubs verantwortlich. RWE hat mittlerweile eine Fülle von Gegenmaßnahmen eingeleitet. Ob die ausreichen, wird die Zukunft zeigen.