Birkesdorf: Nicht jede Geschichte passt zur Verletzung

Birkesdorf: Nicht jede Geschichte passt zur Verletzung

Beim Fangenspielen gestolpert, beim Toben gestoßen — Kinder ziehen sich schnell blaue Flecken und kleinere Verletzungen zu. „Manchmal passt die Geschichte, die Eltern erzählen, aber nicht zur Verletzung ihres Kindes“, erklärt Sara Hommel, Fachärztin am St.-Marien-Hospital und Mitglied der dortigen Kinderschutzgruppe. Die Ärzte dieses Zusammenschlusses haben gelernt, genau hinzuschauen — und an die richtigen Stellen.

Sie wissen, welche Erklärungen für Verletzungen plausibel sind und welche unglaubwürdig. Wie kann sich ein Säugling den Arm zwischen den Stäben des Bettes gebrochen haben, wenn er sich noch gar nicht eigenständig drehen kann?

Die Handpuppe Sofie hilft Andreas Koch, Sabine Linden und Sara Hommel, Kontakt zu den Kindern zu knüpfen. Foto: smb

Bei seelischen Verletzungen durch Vernachlässigung oder seelischer Misshandlung ist es schwerer, die Zeichen zu erkennen, aber die Fachleute wissen, worauf sie achten müssen.

2009 wurde die Kinderschutzgruppe gegründet. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und Fachpersonal, das sich stetig fortbildet, untersucht Kinder bei Verdacht auf Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung. 100 bis 120 Kinder und Jugendliche werden pro Jahr vorstellig. Manche werden von den Jugendämtern ins Hospital geschickt, aber auch über niedergelassene Ärzte, Lehrer oder Sozialarbeiter werden Kontakte geknüpft. Immer dann, wenn das körperliche oder seelische Wohl eines Kindes gefährdet ist — oder gefährdet sein könnte.

„Manchmal suchen die Eltern auch von sich aus medizinische Hilfe auf, weil ihr Kind so schwer verletzt ist“, weiß Sabine Linden, die Leiterin der Kinderambulanz. „Wir müssen das, was wir sehen, medizinisch hinterfragen“, erklärt Dr. Volker Arpe, der Leitende Oberarzt der Kinderklinik. Ärzte und Pflegepersonal dokumentieren die Befunde, ordnen sie medizinisch ein und stellen ihre Ergebnisse dem Jugendamt und/oder der Polizei zur Verfügung.

Bei der detaillierten Befragung der Kinder müssen die Mitarbeiter der Kinderschutzgruppe jedoch sehr vorsichtig und zurückhaltend sein, um sich nicht dem Verdacht der Beeinflussung der Kinder auszusetzen. Dann könnten deren Aussagen bei einer eventuellen Gerichtsverhandlung nicht verwendet werden. „Die Befragung ist Aufgabe von Polizeipsychologen“, betont Sarah Hommel. Wichtig sei auch der Dialog mit den Eltern, die von offizieller Stelle ins Krankenhaus geschickt würden. „Die Eltern sind meistens offen für das Gespräch. Wir vermitteln ihnen, dass wir uns um das Wohl ihres Kindes kümmern.“

Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung sind sehr sensible Themen. Für die Mediziner sind die Untersuchungen eine Gratwanderung zwischen dem Übersehen von Details und Übervorsicht. „Das ‚Dran-Denken‘ ist wichtig“, betont Sara Hommel. Daran denken, dass Verletzungen, aber auch Probleme wie Bettnässen, Ängste, Essstörungen und Aggressionen verschiedene Ursachen haben können. Und dieses „Dran denken“ sei in allen Abteilungen wichtig. „So muss auch ein Radiologe, der einen Knochenbruch röntgt, Zeichen erkennen, die auf eine Misshandlung hinweisen“, erklärt Arpe.

„Etwas zu übersehen ist genauso schlimm, wie etwas falsch einzuschätzen. Eine falsche Einschätzung kann Familien zerstören“, beschreibt Assistenzarzt Andreas Koch die hohe Verantwortung. Um diese auf mehreren Schultern zu verteilen, werden die Fälle im Team besprochen. Und: Die Untersuchungen der Kinder brauchen Zeit. „Sie haben oft Schlimmes erlebt, wir dürfen die negativen Erfahrungen durch unser Tun nicht verstärken“, erklärt Arpe. „Wenn ein Kind bei uns ‚Nein‘ sagt, dann hat dieses ‚Nein‘ Gewicht.“ Eine Botschaft, die vor allem für Kinder, die sexuell missbraucht wurden, wichtig ist.

Um Kinder zu schützen, sei es wichtig, ein Netzwerk zu bilden - im Krankenhaus und darüber hinaus. So sollen Missstände früh erkannt werden, um Unterstützung anbieten zu können. „Wenn Familien früh Hilfe bekommen, können die Kinder oft unter Begleitung weiterhin dort aufwachsen“, erklärt Arpe. In anderen Fällen folgt einer Untersuchung die Unterbringung im Heim oder einer Pflegefamilie, um das Kind zu schützen.