Düren: Neues Projekt beweist: Jeder kann tanzen

Düren: Neues Projekt beweist: Jeder kann tanzen

Eigentlich haben Roxana Großart, Ali Hussein, Aziz Massoudi, Elisabeth Syed und Gabriele Dietz nicht viel gemeinsam. Roxana ist eine neunjährige Grundschülerin. Ali Hussein (22) und Aziz Massoudi (20) sind Flüchtlinge aus Afghanistan, die erst seit rund einem halben Jahr an der Rur leben.

Elisabeth Syed ist 53 Jahre alt und pädagogische Mitarbeiterin bei der Dürener Gesellschaft für Arbeitsförderung (DGA). Gabriele Dietz ist Ruheständlerin und mit 65 Jahren die älteste im Bunde. Und obwohl das auf den ersten Blick nach völlig unterschiedlichen Lebensphasen klingt, haben Roxana und die anderen vier eben doch eine große Gemeinsamkeit: Alle fünf tanzen und nehmen am ersten generationsübergreifenden Projekt „tanzwärts“ teil, das der Leiter des Dürener Kulturbetriebs, Dieter Powitz, in der Rurstadt initiiert hat.

sdsdsdsdsd Foto: Sandra Kinkel

„Jeder Mensch kann tanzen“, sagt Dirk Kazmierczak (47), künstlerischer Leiter von „tanzwärts“ und selbst Tänzer, Tanzpädagoge und Bewegungscoach. „Jeder ist ein Tänzer. Wir wollen die Teilnehmer unseres Projektes so mit Material und Tanzschritten füttern, dass sie sich am Ende wie professionelle Tänzer bewegen können. Und das gelingt.“ Mit Hilfe eines öffentlichen Aufrufes wurden die Tänzer gesucht, alle, die sich gemeldet haben, konnten mitmachen. Kazmierczak: „Es ist mir wichtig, dass die Gruppe möglichst bunt und unterschiedlich ist. Das finde ich schön.“

Roxana Großart (9, oben links), Ali Hussein (22) und Aziz Massoudi (20, oben rechts), Elisabeth Syed (53, unten links) und Gabriele Dietz (65) sind fünf von rund 70 Kindern, Teenagern und Erwachsenen aus dem Kreis Düren, die sich am Projekt „tanzwärts“ beteiligen. Am Wochenende, 18. und 19. Juni wird das Tanztheaterstück im Haus der Stadt in Düren aufgeführt. Foto: Sandra Kinkel

Senioren tanzen den Frühling

Roxana Großart (9, oben links), Ali Hussein (22) und Aziz Massoudi (20, oben rechts), Elisabeth Syed (53, unten links) und Gabriele Dietz (65) sind fünf von rund 70 Kindern, Teenagern und Erwachsenen aus dem Kreis Düren, die sich am Projekt „tanzwärts“ beteiligen. Am Wochenende, 18. und 19. Juni wird das Tanztheaterstück im Haus der Stadt in Düren aufgeführt. Foto: Sandra Kinkel

Die Tänzer sind in vier Altersgruppen unterteilt, jede Gruppe tanzt eine Jahreszeit. Senioren verkörpern den Frühling, Teenager den Sommer, sogenannte „Middle-Ager“ um die 40 Jahre den Herbst und Schüler der Katholischen Grundschule St. Joachim den Winter.

Roxana Großart besucht die dritte Klasse der Grundschule und wollte schon immer tanzen. „Es hat aber bisher nicht geklappt. Und als die Lehrer von dem Tanzprojekt erzählt haben, habe ich mich sofort gemeldet.“ Und das, obwohl die Arbeit an dem Tanztheaterstück anstrengend und zeitintensiv ist. Am 2. Mai, also vor genau einem Monat, haben die Proben begonnen. Insgesamt werden knapp sieben Wochen bis zu den Aufführungen trainiert. „Wir üben jeden Tag“, erzählt Roxana. „Immer zweieinhalb Stunden.“

Die Schülerin weiß genau, worauf es ankommt. „Wir haben richtiges Aufstehen gelernt und auch eine gute Körperhaltung.“ Als Winter-Mädchen versucht Roxana, tänzerisch Eiskristalle, eine Schneeballschlacht und einen Schneesturm darzustellen. „Es macht mir großen Spaß, mit anderen zusammen zu tanzen. Es ist viel besser, als ich es mir vorgestellt habe.“

Ali Hussein und Aziz Massoudi haben bei einem Treffen der Flüchtlingsinitiative Kreuzau von „tanzwärts“ erfahren. „Ich bin kein Tänzer“, sagt Ali Hussein. „Ich habe in Afghanistan nur ab und zu Volkstänze gemacht.“ Für die beiden Männer aus Afghanistan ist das Tanzen eine Chance, neue Leute kennenzulernen und Deutsch zu lernen. „Und es funktioniert“, sagt Hussein. „Beim Training brauchen wir keinen Dolmetscher, es wird sehr viel vorgemacht. Und wir lachen oft.“ Beim Tanzen, sind sich die beiden Männer einig, gibt es keinen Stress. „Alle sind glücklich und gut gelaunt“, sagt Aziz Massoudi. „Das ist einfach ein gutes Gefühl. Auch, weil wir in dem Stück eine echte Aufgabe haben.“

Die beiden Asylbewerber hoffen, dass sie auch nach dem 19. Juni die Chance bekommen, zu tanzen. „Ich hoffe, dass es weitergeht“, sagt Aziz Massoudi. „Wir haben mit den anderen Leuten viel Spaß. Und wir treffen Leute, die wir sonst vielleicht nie getroffen hätten.“ Diesen Satz würde Elisabeth Syed aus Düren auch sofort unterschreiben. „Die meisten, die bei ‚tanzwärts‘ mitmachen“, sagt sie, „hätten sich sonst vermutlich nie getroffen. Aber es ist toll, diese vielen neuen Menschen kennenzulernen.“

Raus aus der Komfortzone

Die 53-Jährige hat sich bei „tanzwärts“ beworben, weil sie Lust hatte, mit professionellen Choreographen zusammenzuarbeiten. Und weil sie „aus ihrer eigenen Komfortzone raus wollte“. „Die Kinder sind erwachsen, ich habe einen Job, der mir Spaß macht. In meiner Freizeit ist nicht mehr sehr viel passiert. Das ist seit ‚tanzwärts‘ total anders.“ Durch die Proben habe sie gelernt, sich selbst zurückzunehmen. „Wir wollen ein Gesamtbild schaffen, der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Gruppe. Das ist für mich eine spannende Erfahrung.“

Gabriele Dietz (65) ist seit etwa einem Jahr auf den Rollstuhl angewiesen. „Ich habe durch Bekannte von ‚tanzwärts‘ erfahren. Meine erste Reaktion war: ‚Klar, Laufen kann ich nicht, aber Tanzen geh ich.‘ Heute bin ich sehr froh, dass ich die Chance bekommen habe, hier mitzumachen.“ Für Dirk Kazmierczak war der Rollstuhl von Gabriele Dietz nie ein großes Problem. „Der Rollstuhl ist eine Tatsache, und Frau Dietz bewegt sich anders. Aber sie hat auch andere Möglichkeiten als Fußgänger.“

Für Gabriele Dietz ist es die erste Erfahrung mit professionellem Tanz, und die 65-Jährige ist begeistert. „Seitdem ich im Rollstuhl sitze, habe ich das Gefühl, im Alltag oft nicht vorhanden zu sein. Man befindet sich in einer Höhe, in der man sehr oft übersehen wird. Und das ist bei dem Tanzprojekt total anders.“ Sie sei sofort als Mitglied der Gruppe akzeptiert gewesen und würde überhaupt nicht auf ihr Behindertsein reduziert. „Das Tanzen hat mit mir eine ganze Menge gemacht. Es ist toll zu sehen, was ich alles kann. Und ich habe viel über meine eigene Körperlichkeit gelernt. Das ist ein sehr schönes Gefühl.“

Roxana Großart, Ali Hussein, Aziz Massoudi, Elisabeth Syed und Gabriele Dietz freuen sich sehr auf die Aufführung in gut zwei Wochen. „Sicher kommt kurz vorher ein bisschen Nervosität“, sagt Elisabeth Syed. „Aber das ist auch gut, weil Lampenfieber uns bestimmt noch mehr anspornt.“

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