Nach Jahren der Stagnation wächst Nörvenich enorm

1000 neue Einwohner in fünf Jahren : Nach Jahren der Stagnation wächst Nörvenich enorm

Viele junge Leute sind an diesem Samstag im Februar nach Binsfeld gekommen, einige aus dem Kölner Raum, etliche aber auch aus der Neffeltalgemeinde. Es wird gefachsimpelt über Grundrisse, neue Fenster und die besten Handwerker.

Das neue Jahr ist erst zwei Monate alt, aber in der kleinen Neffeltalgemeinde haben Bürgermeister Dr. Timo Czech (CDU) und der Investor schon zum zweiten Spatenstich für ein neues Baugebiet eingeladen. Die jungen Leute und ihre Familien sind die hundert neuen Einwohner des ganz im Westen gelegenen Ortsteils – 29 der 30 Grundstücke sind schon verkauft

Noch in diesem Jahr sollen die ersten Häuser fertig sein. Und Binsfeld damit von rund 900 auf mehr als 1000 Einwohner wachsen.

Vor genau 25 Jahren hat der damalige Bürgermeister Jakob Mevis den 10.000. Einwohner in Nörvenich begrüßt, heute hat die Kommune, die zu einem Teil nah dran ist am Rhein-Erft Kreis, um die 10.840 Einwohner. Erst 10.840 möchte man sagen, wenn man sieht, welches Tempo Bürgermeister Dr. Timo Czech bei der Entwicklung der Kommune vorlegt.

Wenn seine Amtszeit 2020 endet, wurde Platz für deutlich mehr als 1000 neue Nörvenicher geschaffen – in allen Ortsteilen. Damit hat die Fliegerhorstkommune in kürzerer Zeit die Ziele erreicht, die der Kreis Düren bei seiner Wachstumsoffensive (plus zehn Prozent bis 2030) gefordert hat – und der Bürgermeister ist damit sehr zufrieden. Czech: „Bisher waren in allen neuen Baugebieten die Grundstücke innerhalb von vier bis zwölf Wochen verkauft. Deswegen sage ich auch, dass wir für eine Wachstumsoffensive kein Marketing-Konzept brauchen. Der Landrat hat aber Recht, wenn er sagt, dass wir auch hochqualifizierte und gut ausgebildete Menschen im Kreis brauchen. Dafür lohnt es sich zu werben.“

Gerade hat der Bürgermeister in Binsfeld ein neues Wohngebiet auf den Weg gebracht. Es ist schon „ausverkauft“. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

 Ob es schon früher hätte gelingen können, die Einwohnerzahl von Nörvenich deutlich zu steigern, kann – und will – Czech nicht sagen. „Es ist schwer, das zu beurteilen. Ich glaube, dass die Gemeinde aufgrund ihrer Nähe zu Köln immer schon großes Entwicklungspotenzial hatte. Aber jetzt ist eben auch die Nachfrage nach bezahlbaren Grundstücken da.“

Nörvenich ist eine Flächengemeinde mit 14 Orten und 80 Prozent landwirtschaftlich genutzter Fläche. Platz gibt es also genug. Und, auch daraus macht Czech keinen Hehl, seine eigene Wachstumsoffensive ist auch Teil der dringend notwendigen Haushaltskonsolidierung der Gemeinde. „Jeder neue Einwohner ist ein Steuerzahler mehr“, sagt er und nennt ein Beispiel. „Nehmen Sie die Neffeltalhalle: Die Kosten der Halle sind unabhängig von der Einwohnerzahl unserer Gemeinde. Aber bei mehr Menschen, kann ich sie auf mehr Köpfe verteilen. Davon profitieren alle.“

Aber die neuen Einwohner bringen noch mehr Vorteile, auch den alteingesessenen Nörvenichern: Im Ort gibt es kaum noch Leerstand, im Gegenteil: Es entstehen sogar neue Geschäfte. Bleibt immer noch die Gefahr, dass eine schnell wachsende Gemeinde mit Einwohnern aus den nahen Großstädten immer mehr zum Schlafort mutiert. „Ja, die Gefahr besteht“, sagt der Bürgermeister. „Aber es sind ja längst nicht nur Auswärtige, die nach Nörvenich wollen.“ Nach Rath, wo im Januar der Spatenstich für ein neues Wohngebiet stattfand, seien es in der Tat viele Kölner, aber in Oberbolheim und Binsfeld kämen die meisten jungen Bauherrn aus genau diesen Ortsteilen. Czech: „Das ist uns auch ein Anliegen: Alle 14 Ortsteile sollen eine Perspektive bekommen. Und alle Kinder sollen in ihrem Dorf bauen können. Die haben eine enge Bindung zu ihrem Ort, sind in den Vereinen aktiv.“

Trotzdem bleibt die Gefahr einer reinen Schlafstätte. Heute hat die Neffeltalgemeinde einen Auspendlerüberschuss von 2500 Menschen. Ein Viertel aller Nörvenicher arbeiten in einer anderen Stadt. „Dagegen wollen wir etwas tun“, erklärt Timo Czech. In der Gemeinde entsteht derzeit ein 36 Hektar großes Gewerbegebiet, die Erschließung soll 2020 beginnen. „Wir hoffen, dass viele Nörvenicher und Neu-Nörvenicher dort Arbeit finden.“

Auch Kosten

Das Beispiel Nörvenich zeigt, dass ein rasches Wachstum einer Gemeinde möglich ist, auch wenn es Schwierigkeiten und Risiken birgt. Mehr Einwohner, um nur ein Beispiel zu nennen, bedeuten auch mehr Kinder. Die Einrichtung neuer Kindertagesstätten ist mit dem Kreis Düren als Kita-Träger noch relativ einfach zu realisieren, aber auch die Grundschule muss erweitert werden. Prognosen sagen, dass sich die Schülerzahlen in den nächsten Jahren nahezu verdoppeln werden. Die Gemeinde muss handeln und denkt über einen Schulanbau für drei Millionen Euro nach. Will heißen: Neue Einwohner kosten zunächst Geld, bevor die Kommune finanziell von ihnen profitiert.

Aber wie viel Zuwachs kann eine Gemeinde überhaupt verkraften? „Zuwachs muss dynamisch passieren“, sagt der Verwaltungsleiter. „Und es ist wichtig, dass ein guter Mix an Menschen entsteht. Junge und Alte, Ur-Nörvenicher und Zugezogene, Hochqualifizierte und gut ausgebildete Handwerker. Wenn das gelingt, bekommen wir eine funktionierende Dorfstruktur.“ Übrigens spielen die rund 950 Soldaten des Jagdbombergeschwaders für die Einwohnerentwicklung des Ortes keine Rolle. Czech: „Nur wenige wohnen in der Kaserne oder in unserer Gemeinde. Die meisten pendeln.“