Düren: Nach deutscher Kapitulation: Ordnung in das Chaos gebracht

Düren: Nach deutscher Kapitulation: Ordnung in das Chaos gebracht

Der Zweite Weltkrieg ging für Düren bereits am 25. Februar 1945 zu Ende. Am Abend dieses Tages war das, was von der Stadt übrig geblieben ist, in der Hand von alliierten Truppen. „Dieser Ort ist nur noch ein Stumpf einer Stadt. Hier lebt keiner mehr. Hier steht kein Gebäude mehr“, heißt es in der US-Militärpresse.

Die Soldaten stießen auf vier deutsche Zivilisten und 25 an die Rur verschleppte Zwangsarbeiter. „Falls die Deutschen nach dem Krieg wieder eine Stadt namens Düren haben möchten, werden sie sich vermutlich ein paar Meilen nördlich ein nettes Plätzchen aussuchen und da etwas Neues bauen“, wird Hauptmann Arthur H. Larkins von der Militärregierung in „Stars and Stripes“ zitiert.

Die aus der Evakuierung zurückströmenden Dürener verfolgten keine Stadtentwicklungspläne, dachten an keine Umsiedlung. Sie wollten einfach nur zurück. Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, lebten schon wieder mehr als 1000 Menschen in Düren. Es mochte zwar Frieden herrschen, doch von Normalität waren die Stadt und ihre Bürger heute vor 70 Jahren noch weit entfernt.

Der erste Bürgermeister

„Alles war ungeheuer provisorisch, um nicht zu sagen chaotisch“, blickt Historiker Dr. Horst Wallraff vom Stadt- und Kreisarchiv Düren zurück. Weite Teile der Stadt lagen in Trümmern, es hatte Plünderungen gegeben, nur die Durchgangsstraßen hatte die US-Armee vom Schutt befreit, zwischen den zerbombten und ausgebrannten Häusern lagen auch Monate nach dem Luftangriff des 16. Novembers 1944 noch ungezählte Leichen. „Es gab schlichtweg keine Infrastruktur“, fasst Stadtarchivar Helmut Krebs die Situation zusammen. Dennoch kamen die Menschen zurück — und mussten versorgt werden.

Bereits am 1. März hat die alliierte Militärregierung Alfred Stiegler, den der Krieg als Soldat ins Rheinland geführt hatte und der in Düren das Kriegsende erwartete, zum Bürgermeister ernannt. „Amtssitz“ war ein Haus am Paradiesplatz 4. „Mit Verwaltung hatte Stiegler bis dato nichts zu tun“, sagt Krebs. Doch wegen seiner Englischkenntnisse hatten die Amerikaner ihn bereits zuvor als Dolmetscher eingesetzt, der Mann aus dem Vogtland bewies zudem Organisationstalent. Und das war bitter nötig.

Die Akten aus dieser Zeit zeigen, vor welchen Herausforderungen die improvisierte Stadtverwaltung stand. Beschädigte Wohnungen mussten notdürftig repariert, ankommende Menschen auf den ohnehin kaum vorhandenen Wohnraum verteilt werden. Nahrungsmittel waren knapp, an der Paradiesstraße gab es eine städtische Gemeinschaftsküche. „Die Menschen hausten in den Trümmern, suchten sich einen Platz, wo es welchen gab“, sagt Krebs.

Die Stadtverwaltung hatte die Aufgabe, dieses Chaos halbwegs zu steuern, für Ordnung zu sorgen, die Menschen zu registrieren und die Vorgaben der Militärregierung umzusetzen. Ohne selbst halbwegs dafür ausgerüstet zu sein. In Ermangelung von Schreibtischen wurde oftmals beispielsweise an Fensterbänken gearbeitet. Ein großes Problem waren die noch im Stadtgebiet vorhandenen Kampfmittel und verschüttete Leichen. „Viele Angehörige haben sich in den Ruinen selbst auf die Suche nach Vermissten gemacht, ihre Verwandten ausgegraben und bestattet“, schildert Horst Wallraff.

Oft wurden Leichen anhand eines Stofffetzens oder eines Rings am Finger identifiziert. Wegen der Seuchengefahr verbot die Stadtverwaltung im August 1945 die Ausgrabungen, die Menschen hielten sich aber nicht daran. Im September 1945 wurde daraufhin das „Minen-, Bomben-, Munitionsräum- und Leichenbergungskommando“ ins Leben gerufen. „Die Männer erhielten als Sonderrationen Schnaps zugeteilt“, weiß Helmut Krebs. Die Arbeit muss grauenhaft gewesen sein.

An einen Wiederaufbau in großem Sinne wurde am 8. Mai 1945 noch nicht gedacht. Die Verwaltung hatte genug damit zu tun, die Grundversorgung zu sichern und nach Möglichkeit beschädigte Gebäude und Einrichtungen der Infrastruktur zu reparieren. Der eigentliche Wiederaufbau begann erst nach der Währungsreform. Doch das ist ein anderes Kapitel der Stadtgeschichte.

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