Düren: Mord im Zeichen des Äskulapstabes

Düren: Mord im Zeichen des Äskulapstabes

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Vorstand der LVR-Klinik eine Entscheidung getroffen, die mehr als ein Zeichen sein soll: Drei Porträts ehemaliger Direktoren wurden im Verwaltungsgebäude abgehangen. Es sind die Fotos der Ärztlichen Direktoren, die von 1934 bis 1953 die Geschicke der heutigen Fachklinik für Psychiatrie geleitet haben — und als Mediziner eine zweifelhafte Rolle in der NS-Zeit gespielt haben.

„Angesichts der Gräueltaten, die im Namen der Medizin auch an diesem Ort verübt worden sind, können wir diese Ärzte, die sich nicht für ihre Patienten eingesetzt haben, heute nicht mit Respekt behandeln“, erklärt die Ärztliche Direktorin Dr. Ulrike Beginn-Göbel. Es ist nicht der erste Schritt, die Rolle der Dürener Psychiatrie während der Zeit des Nationalsozialismus‘ aufzuarbeiten.

1947 Männer und Frauen

Aus der Dürener „Heil- und Pflegeanstalt“ wurden 1947 Männer und Frauen, die als Patienten Schutz und Hilfe gesucht hatten, deportiert. „Sie sind verhungert, wurden mit falschen Medikamenten behandelt, erschossen oder in die Gaskammer geschickt“, sagt Thomas Hax von der LVR-Klinik, der sich mit diesem Kapitel der Psychiatriegeschichte befasst hat. Mit dem Erlass des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurden viele geistig- und körperlich behinderte Menschen zwangssterilisiert.

Etwa 400.000 wurden unter Zwang operiert, in Düren vermutlich einige Hundert. Die massenhafte Tötung von Patienten begann im Januar 1940, ausgehend von einer „Ermächtigung“ Adolf Hitlers, „unheilbar Kranken“ den „Gnadentod zu gewähren“. Erst im August 1941 wurde das „Euthanasie“-Programm wegen öffentlicher Proteste, vor allem von den Kirchen, gestoppt. Die Morde an psychisch Kranken gingen weiter.

Als erstes traf es im März 1940 die forensischen Patienten in Düren, die sogenannten „kriminellen Geisteskranken“. Die ersten zwei Transporte machten sich auf den Weg. Schnell kamen die jüdischen Insassen und die übrigen Patienten hinzu. Insgesamt 22 Transporte verließen die Stadt.

„Die Begeisterungsfähigkeit für braune Gedanken war in Kreisen der Psychiatrie durchaus vorhanden“, blickt Thomas Hax zurück. „Es gab nur wenige, die sich dem widersetzt haben.“ Die Devise habe „Heilen und Vernichten“ gelautet. Etwa 250.000 Patienten seien im Deutschen Reich und in besetzten Gebieten in Kliniken und Pflegeheimen getötet worden.

„Nach dem Krieg wurde von vielen Beteiligten die eigene Rolle umgedeutet, die Verantwortung geleugnet“, sagt Ulrike Beginn-Göbel. Unter dem Zeichen des Äskulapstabes hätten Mediziner ihre Macht missbraucht, Schutzbefohlenen nicht geholfen. Deswegen habe sich der Vorstand entschlossen, die Porträts abzuhängen — und stattdessen eine Tafel in die „Ahnengalerie“ zu integrieren, die an die Opfer erinnere. Das in der Vergangenheit Geschehene soll in der Zukunft nicht vergessen werden.

Erfasst, verfolgt und vernichtet

„Die Psychiatrie hat im Vergleich mit anderen Akteuren schon früh angefangen, ihre Rolle in der NS-Zeit aufzuarbeiten“, schildert Hax. Spätestens in den 70er Jahren habe sich dieser Prozess beschleunigt. Seit dem Sommer befasst sich die Wanderausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde mit der NS-Zeit. „Die Ausstellung kommt zwar spät, aber sie ist gekommen und wichtig“, sagt Hax, der in Köln die Führung mehrerer Gruppen von Pflegeschülern übernommen hatte.

„Das war keine Pflichtveranstaltung“, ist Hax überzeugt. Viele Besucher seien betroffen gewesen, wollten aber mehr wissen, hätten Fragen gestellt. Wie war es möglich, dass Menschen, deren Beruf es war, anderen zu helfen, so etwas taten? Der Tod von Patienten und Menschen mit Behinderung sei von Psychiatern, Neurologen, Kinder- und anderen Fachärzten, von Verwaltungsfachleuten und Pflegekräften verantwortet worden. „Der gesamte medizinische Apparat war beteiligt, Menschen in den Tod zu schicken“, sagt Hax. Eine Feststellung, die nachdenklich stimmen sollte.