St. Lambertus: Letzter Gottesdienst in Kirche in Morschenich

Entwidmung von St. Lambertus : Ein emotionales Ende der Umsiedlung

Viele Dörfer müssen dem Braunkohletagebau im Rheinischen Revier weichen. Wenn die Kirche im Dorf entwidmet wird, ist das für viele Menschen ein besonders schwerer Tag. So war es auch am Samstag in Morschenich, beim letzten Gottesdienst in der Kirche St. Lambertus.

Applaus nach einer Predigt ist weiß Gott nicht alltäglich. Doch Pfarrer Andreas Galbierz hatte den Morschenichern aus den Herzen gesprochen, in einem Moment, in dem es nach mehr als 63 Jahren Abschied zu nehmen galt von der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten und im September 1955 eingeweihten Pfarrkirche St. Lambertus. Ein emotionaler Abschied, der für viele Morschenicher so etwas „wie das Ende der tagebaubedingten Umsiedlung des Ortes markiert“, betonte der Bürgerbeiratsvorsitzende Bruno Rüth.

Mittlerweile haben mehr als 90 Prozent der Umsiedler Morschenich vor den herannahenden Kohlebaggern des Tagebaus Hambach verlassen, auch wenn im Zuge der Klimawendedebatte mehr als fraglich ist, ob diese den Ort je erreichen werden.

Entwidmung Pfarrkirche St. Lambertus. Foto: ZVA/Jörg Abels

Dass Allgemeinwohl in Deutschland vor Eigenwohl gehe, führe zu Trauer und Wehmut, teilweise auch zu Verbitterung, hatte Galbierz seine Predigt begonnen. Jahrzehntelang hatten die Morschenicher in dem Bewusstsein gelebt, mit der Umsiedlung ihres Ortes einen Beitrag zur sicheren Stromversorgung in Deutschland leisten zu müssen. Plötzlich stehe dies in Frage. „Sind die Menschen an den Tagebauen zum Spielball der Politik geworden?“, fragte der Pfarrer auch mit Blick auf Moral und Menschlichkeit der politischen Entscheidungen. Antworten werde die Geschichte liefern, auch auf die Frage, ob die nun entwidmete Pfarrkirche „zum Symbol der Energiewende oder des Versagens der Politik werde“, betonte der Geistliche.

Wie so viele ist Galbierz überzeugt, dass „unsere kleine Dorfkirche noch nicht verloren ist“, auch wenn „wir als Gemeinde heute mit Tränen in den Augen umziehen müssen“. Viele der knapp 200 Gläubigen, die sich zur letzten Messe versammelt hatten, verbinden persönliche Erinnerungen mit dem Gotteshaus. Viele waren in St. Lambertus getauft worden, hatten dort Kommunion und Firmung gefeiert, ihrem Partner das Ja-Wort gegeben und sich in dem kleinen Bruchsteinbau von verstorbenen Verwandten und Freunden verabschiedet.

Nach der Entwidmung überführte Pfarrer Andreas Galbierz das Allerheiligste in die Pfarrkirche St. Laurentius in Merzenich. Foto: ZVA/Jörg Abels

Nachdem Pfarrer Rolf-Peter Cremer, Hauptabteilungsleiter Pastoral, Schule und Bildung des Bistums Aachen, die Urkunde zur Entwidmung verlesen hatte, löschte er das Ewige Licht und Pfarrer Galbierz überführte das Allerheiligste in die Pfarrkirche St. Laurentius in Merzenich, in der bis zur Fertigstellung der neuen Lambertus-Kapelle im Umsiedlungsort auch die Muttergottes-Skulptur, liturgische Gegenstände und das Tabernakel aufbewahrt werden. Das bereits vor zwei Jahren an RWE verkaufte Kirchengebäude soll nun bis Ende des Monats übergeben werden, kündigte Galbierz an.

„Es macht keinen Sinn mehr, eine Kirche in einem Ort zu unterhalten, in dem niemand mehr lebt“, hatte Kirchenvorstandsmitglied Rosemarie Zander zuvor den Antrag auf Entwidmung begründet, dem der Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser gefolgt war. Zuletzt besuchte kaum mehr ein Dutzend Gläubiger die Messen. Auch die Angst vor Vandalismus, der in vielen der verlassenen Häuser im Ort sichtbar ist, habe eine Rolle gespielt, betonte Zander, schließlich sollen das aus dem 12./13. Jahrhundert stammende Lambertusrelief, das Taufbecken und auch Kirchenfenster noch in die künftige Kapelle überführt werden.

Wie so viele Morschenicher hätte sich auch Rosemarie Zander gewünscht, dass die Bauarbeiten an der neuen Kapelle zumindest bereits begonnen hätten – als Zeichen der Kontinuität. Probleme mit der Statik aber haben zu Verzögerungen geführt. Pfarrer Galbierz und Christian Schütten vom Fachbereich Immobilien des Kirchengemeindeverbandes Düren-Eifel sind guter Dinge, dass der Spatenstich noch bis Ende 2019 erfolgen wird. Bauzeit: rund ein Jahr.

Sollte, wofür derzeit vieles spricht, die Kohle unter Morschenich nicht mehr abgebaut werden, spricht sich Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU) dafür aus, einzelne Gebäude zu erhalten, unter anderem die Kirche. Er könnte sich dort einen Ort der Begegnung vorstellen, verbunden mit einem Dokumentationszentrum zur Geschichte des Braunkohlenabbaus und der Umsiedlung des Ortes. Während sich die Mehrheit der Umsiedler für einen Abriss der Wohnhäuser ausspricht, gibt es derweil auch Stimmen, sie als billigen Wohnraum zu erhalten.

Die Entwidmung der Kirche verlief bis auf einen kleinen Vorfall am Ende der Messe ohne Störungen. Eine etwa 15-köpfige Gruppe hatte nach Polizeiangaben eine Spontanversammlung angemeldet. Gegen drei Personen, darunter ein 15-Jähriger, wurden Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und Widerstands gegen Beamte gefertigt, ein Zwischenrufer in der Kirche muss sich wegen Störung der Religionsausübung verantworten.

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