Verfall in Morschenich: „Kein Abriss wäre ein Schlag ins Gesicht“

Verfall in Morschenich : „Kein Abriss wäre ein Schlag ins Gesicht“

Umsiedler in Morschenich müssen mit ansehen, wie ihre Häuser ausgeschlachtet werden und verfallen. Bruno Rüth, Vorsitzender des Bürgerbeirats, und Bürgerbeiratsmitglied Paul Dietz berichten.

Die Türen und Fenster mit Holzplatten und Bauschaum verbarrikadiert, der Kellerzugang zugeschüttet, der Garten verwildert: Gut zweieinhalb Jahre nach seinem Umzug nach Morschenich-Neu steht Bruno Rüth mit gemischten Gefühlen vor dem Haus, in dem er mit Unterbrechungen seit 1960 gelebt und in das er viel Herzblut und Eigenleistung investiert hat. „Auf der einen Seite geht es mich nichts mehr an, ich bin von RWE gut entschädigt worden und fühle mich im neuen Ort sehr wohl“, betont der Rentner, der als Vorsitzender des Bürgerbeirats seit 2009 maßgeblich am Umsiedlungsprozess mitgewirkt hat.

„So aber hatte ich mir das nicht vorgestellt. Dann wäre ich lieber hier geblieben.“ Vielen, wenn nicht die meisten Morschenichern dürften das ähnlich sehen. Dass sie einmal für den Tagebau und damit für eine gesicherte Stromversorgung ihre Heimat würden verlassen müssen, stand für sie seit Jahrzehnten fest. „Damit hatten wir uns arrangiert.“

Dass es mit den Ergebnissen der Kohlekommission plötzlich so aussieht, als würden die Bagger Morschenich doch nicht erreichen und sogar Forderungen laut werden, die Wohnhäuser als billigen Wohnraum zu erhalten, ist für viele Umsiedler emotional ebenso schwer zu verstehen wie mitansehen zu müssen, wie das ehemalige Eigentum zusehends verfällt, weil Tagebaubetreiber RWE die Abrissplanungen bis auf weiteres auf Eis gelegt hat.

„Wenn das hier so bleibt, wäre das für alle Umsiedler ein Schlag ins Gesicht“, steht für Bürgerbeiratsmitglied Paul Dietz fest. Die Kirche vielleicht als Mahnmal oder Museum. Damit könnten die Morschenicher gut leben, vielleicht noch die Kita und ein zwei weitere markante Gebäude. Damit aber müsste es dann gut sein.

Feuchte und schimmelige Häuser

Rüth und Dietz fragen sich, wer den bei allem Verständnis für die Forderung nach preiswertem Wohnraum allen Ernstes in die seit Monaten und Jahren leer stehenden, zum Teil feuchten und schimmeligen Häuser noch einziehen könnte. „Wenn man unser ehemaligen Haus wieder herrichten lassen wollte, müsste man sicherlich zwischen 100.000 und 150.000 Euro reinstecken“, ist Rüth überzeugt, um es energetisch auf den modernsten Stand zu bringen weitere 100.000 Euro.

Es habe nach seinem Auszug keine zwei Wochen gedauert, bis sich erstmals Plünderer an seinem ehemaligen Haus zu schaffen machten, erinnert sich Rüth. Zunächst fehlten die Fallrohre, berichtet der Senior, wenig später die Kupferverkleidungen, schließlich die kompletten Elektroinstallationen im Inneren, inklusive Steckdosen und FI-Schaltern, im Laufe der Zeit wurden sogar alle Armaturen aus den Bädern rausgerissen.

„Das waren keine Aktivisten“, ist Rüth überzeugt. Die jedoch kamen auch noch, im vergangenen November, besetzten das Haus und hätten sich beinahe selbst geräuchert, berichtet er und muss schmunzeln Die linksautonomen Kohlegegner hatten in einem Holzofen Feuer gemacht, ohne zu bemerken, dass der Kamin auf dem Dach abgedeckt war. Die Besetzung wurde war zügig von der Polizei geräumt und die Türen und Fenster danach verbarrikadiert, Plünderer aber kommen immer noch. „Jetzt sehe ich, dass auch das Geländer am Eingang fehlt.“

Und das ehemalige Haus Rüth ist beileibe kein Einzelfall. Jetzt, wo mittlerweile mehr als 95 Prozent der umsiedlungsberechtigten Morschenicher dem alten Ort den Rücken gekehrt haben, fehlt schlichtweg die soziale Kontrolle. Langfinger haben leichtes Spiel, trotz eines von RWE beauftragten Sicherheitsdienstes. Paul Dietz berichtet, dass sein früheres Haus derzeit offenbar als Zwischenlager für Reifen und andere Autoteile genutzt wird, von wem auch immer.

„Angst vor Riesentheater“

„Wir hätten uns gewünscht, die Häuser wären schnell abgerissen worden“, spricht Rüth sicherlich vielen Umsiedlern aus dem Herzen, die jetzt wie er den zunehmenden Verfall mit ansehen müssen, vorausgesetzt es zieht sie überhaupt noch einmal an den früheren Lebensmittelpunkt, mit dem so viele Erinnerungen verbunden sind.

Schön sei das nicht, die Häuser heute so zu sehen. Aber RWE habe offenbar Angst vor einem weiteren Riesentheater aus der Aktivistenszene, sollten jetzt die Abrissbagger anrollen und Fakten schaffen, bevor eine endgültige politische Entscheidung zur Zukunft des Tagebaus Hambach gefallen ist, berichtet der Bürgerbeiratsvorsitzende von einem der jüngsten Gespräche mit Vertretern des Tagebaubetreibers. Verwahrlosung, Zerstörung und Plünderung werden also weitergehen.

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