Lamersdorf: „Mein erstes Auto“: Das Bein wird zur Einparkhilfe

Lamersdorf: „Mein erstes Auto“: Das Bein wird zur Einparkhilfe

Dieser eine Tag in „Heidelbörg“, wie es damals die in Heidelberg stationierten US-Amerikaner aussprachen, zeigte Norbert Heinen nochmals, welch ein Exot er in den späten 60ern mit seinem Auto auf der Straße war. „Ich dachte erst, der Wagen wurde geklaut, weil ich ihn nicht gefunden habe“, erzählt der 74-Jährige, „aber er war nur verdeckt.

Ich musste mich durch eine Menschentraube von Amerikanern zwängen. Ja und dann musste ich das Auto eine Stunde lang vorführen.“

Geschenk der Kinder: Norbert Heinen mit einem Modell seines ersten Autos. Foto: Rose

Es war ein Messerschmitt Kabinenroller (KR) 200. Ein schmales Auto, das anhand seiner nach oben aufklappbaren Kabine aussah wie ein Miniatur-Segelflugzeug ohne Flügel und in dem man saß, wie in einem Bobschlitten. Drei Räder (zwei vorne, eins hinten) und eine Lenkstange zeigen, dass der Kabinenroller auf einem Motorrad basiert.

Norbert Heinen bezeichnet sein erstes Auto als „Vehikel der Zeitgeschichte“: In der Nachkriegszeit brauchten Menschen mit Beinprothesen ein auf sie zugeschnittenes Fahrzeug, der Kabinenroller war die Lösung. Der KR 200 wurde bis 1964 produziert.

Für 200 Mark gekauft

Ein Jahr später hat der 22-jährige Heinen seinen Messerschmitt gebraucht für 200 Mark vom Schwiegervater eines Onkels gekauft. Auch der hatte eine Beinprothese. Zu der Zeit hat der gebürtige Dürener in Köln studiert und war knapp bei Kasse — der Neupreis lag bei mehr als 2300 Mark. „Für 200 Mark hätte ich sonst noch eine DKW Meisterklasse oder einen Käfer bekommen. Aber dann wären das Rostlauben gewesen.“

Nach dem Studium hat Norbert Heinen seinen ersten Job als Fahrzeugbauingenieur im Süden Deutschlands angefangen. Die erste Fahrt dorthin war die längste Strecke, die er je mit seinem KR 200 zurückgelegt hat: Gute 400 Kilometer fuhr er am 1. März 1968 nach Neckarsulm.

Der Arbeitgeber war für Heinen wie ein Sechser im Lotto: die NSU-Motorenwerke — der Hersteller des Messerschmitt Kabinenroller 200 und die Firma, die Felix Wankel, dem Erfinder des Wankelmotors, zusammengearbeitet hat. Und: Mitte der 50er war das Unternehmen der größte Zweiradhersteller der Welt.

NSU war ein Kurzwort der Stadt Neckarsulm. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber schwärmt Norbert Heinen noch heute: „Die NSU-Motorenwerke waren ein sehr stolzer Autohersteller, die haben tolle Flitzer gemacht. Audi hat das Unternehmen später übernommen, es war quasi das Brautgeschenk der Fusion mit Volkswagen.“

Heinens Kabinenroller hatte zehn PS bei einem Leergewicht von 240 Kilo. Sein Ziel war es, nach seinem KR 200 einen Werkswagen zu bekommen, einen dieser tollen Flitzer. Der NSU 1000 TTS hätt es werden sollen, es wäre zum Sechser im Lotto noch die Superzahl. Aber „das Geschoss“ mit einem Liter Hubraum und 80 PS hat er nie bekommen.

Beineinsatz beim Parken

Als Norbert Heinen, der nun seit 41 Jahren in Lamersdorf wohnt, von seinem ersten Auto erzählt, stehen ein eingerahmtes Bild (siehe oben) und ein kleines Modell seines Kabinenrollers auf dem Tisch. Wie das Modell, das seine Kinder ihm geschenkt haben, war sein KR 200 lindgrün, er hat ihn aber in Dunkelrot von einem Bekannten umlackieren lassen.

Das Auto hatte so seine Besonderheiten: Beim Parken musste er immer darauf achten, dass er mit seiner Kabine nicht gegen eine Laterne oder Ähnliches schlägt, außerdem hatte das Auto keinen Rückwärtsgang. „Ganz oft habe ich die Haube aufgemacht, das linke Bein auf die Straße gesetzt und geschoben.“ Heinen erinnert sich auch an den Morgen, als sein geliebtes Auto auf drei Eisenmülltonnen in der Einfahrt stand: „Die Reifen hatten genau den Durchmesser der Tonnen, und das Auto war ja so leicht, dass es ein paar Leute locker gehoben bekamen nach einer Kneipentour.“

Verkauft hat Heinen sein Auto (das er noch gerne hätte, aber nie eine Garage zum „aufbewahren“ hatte) 1968, also nach drei Jahren in seinem Besitz, wieder für 200 Mark an den Milchmann aus dem Dorf. Der war Ungar und hatte ein Auto wie den KR 200 dringend gesucht. Über Stuttgart und die Donau wurde der Wagen dann zu dessen Vater in die Heimat geschifft — der Vater hatte auch eine Beinprothese.