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Spektakuläre Kriminalfälle: Liebesbriefe für den Serienmörder

Spektakuläre Kriminalfälle : Liebesbriefe für den Serienmörder

Einer der berüchtigsten Schwerverbrecher der Bundesrepublik: Die Mordserie von Dieter Zurwehme beginnt 1972 in Düren und endet 27 Jahre später während eines Hafturlaubs. Wer ist dieser Mann? Teil 5 unserer Serie über spektakuläre Kriminalfälle in der Region.

An dem Tag, an dem er seinen ersten Mord begehen sollte, stellte Dieter Zurwehme morgens fest, dass er dringend Geld braucht. Er setzte sich in Würselen auf sein Mofa, fuhr zum Bungalow seines früheren Chefs, klingelte, und da die Frau seines Chefs ihn kannte, ließ sie Zurwehme ins Haus. Der damals 30 Jahre alte Gewohnheitskriminelle zog ein Fahrtenmesser aus seiner Latzhose, hielt es der Frau an den Hals und forderte Geld. Dann klingelte es. Zurwehme ließ von der Frau ab und floh durch die Terrassentür, ohne Geld erbeutet zu haben.

Er setzte sich wieder auf sein Mofa und fuhr zum Wirteltorplatz in Düren. In dem Büro des Immobilienmaklers S. war er schon zwei Tage vorher gewesen und wusste daher, dass dessen Mitarbeiterin über Mittag allein im Büro war. Er unterhielt sich mit ihr über eine Wohnung, für die er sich vorgeblich interessierte, fand aber zunächst nicht den Mut, sie auszurauben. Zurwehme verließ das Büro gegen 14.30 Uhr, kehrte aber kurze Zeit später zurück, forderte Geld, bedrohte die Frau mit seinem Fahrtenmesser und nahm ihr Portemonnaie an sich. Da die Frau unablässig um Hilfe schrie, stach Zurwehme ihr mindestens fünf Mal in den Hals. Die 51 Jahre alte Frau starb. Es war der 16. November 1972.

Bevor Zurwehme Ende Januar 1973 in der Eifel verhaftet werden konnte, vergewaltigte er im Aachener Raum noch eine Frau und ein 15-jähriges Mädchen.

Das Unglück des Dieter Zurwehme, das für seine Opfer schlimmste Konsequenzen haben sollte, begann nicht mit seinem ersten Mord, sein Unglück begann auch nicht mit seiner ersten Straftat, die die Polizei feststellte, als er 13 war. Sein Unglück begann nicht einmal am Tag seiner Geburt, sondern schon neun Monate vorher: mit dem Akt seiner Zeugung.

Als der zur Wehrmacht eingezogene Ehemann seiner Mutter 1942 auf Heimaturlaub kam, war er erstaunt, dass er auf einmal Vater sein sollte und stellte seine Frau zur Rede. Während er im Krieg war, hatte seine Frau eine Affäre gehabt. Einen Tag später gab der Mann den unehelichen Säugling in Bochum zur Adoption frei, der Junge würde seine Eltern zeitlebens niemals kennenlernen.

Das uneheliche Kind sollte 1999 zu einem der berüchtigsten Straftäter der Bundesrepublik werden. Während eines Freigangs aus dem Gefängnis, in dem er seit 1973 wegen des Mordes in Düren saß, ergriff der damals 56 Jahre alte Zurwehme die Flucht und tauchte unter. Im März 1999 ermordete er in Remagen südlich von Bonn vier Menschen auf dieselbe Weise, auf die er 1972 die Frau in Düren ermordete hatte: durch Messerstiche in den Hals.

Sein Unglück beginnt

Fast ein halbes Jahr lang jagte die Polizei Zurwehme durch die ganze Republik, ehe er in Greifswald verhaftet wurde. Es war die größte Fahndung nach einem Einzeltäter in der deutschen Justizgeschichte. Seit seiner Verhaftung sitzt Zurwehme im Gefängnis, er wird es wohl auch nicht mehr verlassen. Heute ist er 80 Jahre alt.

Als Kind war Zurwehme zunächst ein begabter Schüler, der im Unterricht gut mitkam. Das änderte sich spätestens, als ihm ein Lehrer erzählte, dass er ein Adoptivkind sei. Zurwehme war da zwölf, er fiel, wie man so sagt, aus allen Wolken. Sein Leben geriet aus allen Fugen.

Zurwehmes Adoptiveltern, die mit Dieter im Weserbergland im nordrhein-westfälisch-niedersächsischen Grenzgebiet lebten, weigerten sich, dem Jungen zu sagen, wer seine Eltern sind und wo sie leben. Zurwehme riss zum ersten Mal aus, vielleicht begab er sich auf die Suche nach seinen Eltern, so genau hat man es nie erfahren. 1955 lockte er ein 15-jähriges Mädchen in den Wald, stellte ihr ein Bein und schlug ihr ins Gesicht, um an ihr Geld zu kommen. Der Versuch scheiterte, weil Spaziergänger vorbeikamen. Zurwehme wurde nicht bestraft, weil er erst 13 und damit noch nicht strafmündig war.

Noch im selben Jahr schlug er einer 20-Jährigen mit einem Holzstock so lange auf den Kopf, bis sie wehrlos war. Er nahm ihr das Fahrrad ab und fuhr damit von Ottbergen nach Hannover, mehr als 100 Kilometer. Zwei Tage später wurde er von der Polizei aufgegriffen. Das Jugendamt schrieb Zurwehmes Verhalten einer schlechten Erziehung zu und steckte ihn in ein Erziehungsheim, aus dem er regelmäßig ausriss. Und er beging eine Straftat nach der anderen.

Die Motive, die Zurwehme hatte, waren immer die gleichen: Mobilität, Sex und Geld, manchmal auch alles zusammen. Erst stahl er Fahrräder, später Autos. Als Jugendlicher nahm er anderen ihre Portemonnaies ab, dann überfiel er Tankstellen oder raubte andere Läden aus, bis er schließlich auch Morde beging, um an kleinere Geldbeträge zu kommen. Mit 17 versuchte er erstmals, eine Frau zu vergewaltigen, sein Opfer war 50. Der erste Versuch scheiterte noch, darauf folgende nicht mehr.

Bis Zurwehme mit 30 wegen des Mordes in Düren verhaftet wurde, hatte er schon neun Jahre in diversen Gefängnissen verbracht. Im Nachhinein betrachtet ging die Justiz schon damals viel zu milde mit ihm um. Sobald er entlassen wurde, beging er die nächsten Straftaten. Geld, Sex, Mobilität. In psychiatrischen Gutachten hieß es stets, Zurwehme habe allenfalls charakterliche Mängel, ansonsten sei er völlig normal. Was für eine Fehleinschätzung.

Der renommierte Psychiater

In der lebenslangen Haftstrafe, die das Landgericht Aachen wegen des Mordes in Düren im April 1974 gegen Zurwehme verhängte, begann er mit der Zeit sich zu verändern, so jedenfalls meinten es Anstaltspsychologen festzustellen. Er lernte Sprachen, schrieb Briefe und war nach allem, was bekannt ist, ein umgänglicher Häftling. In einem Gutachten, das ein damals renommierter Psychiatrieprofessor Ende der 80er Jahre erstellte, hieß es, Zurwehmes Haft könne „bedenkenlos“ gelockert werden. Hafturlaub und Freigänge werde er „nicht ausnutzen“.

Zusammen mit einem Mithäftling fasste er den Plan, während eines Freigangs auszureißen, in Holland Tankstellen zu überfallen und sich von dem zu erbeutenden Geld in einen anderen Teil der Erde abzusetzen. Tatsächlich nutzte Zurwehme einen der Freigänge dazu, sich eine Gaspistole, Fesseln, Messer und einen Elektroschocker zu besorgen. Auf einem weiteren Freigang, auf dem er eigentlich ein Auto in Bergheim hatte stehlen wollen, traf er auf ein 17-jähriges Mädchen und änderte seinen Plan. Er verfolgte die Jugendliche und wollte sie entführen – was jedoch misslang.

Zurwehme wurde wegen der Nötigung des Mädchens zu weiteren fünf Monaten Haft zusätzlich zu seiner lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Als diese fünf Monate vorbei waren, wurden Zurwehmes Haftbedingungen erneut gelockert, er erhielt wieder regelmäßige Freigänge. Die Straftat, stellte ein Psychologe fest, sei nur dem schlechten Einfluss seines Mithäftlings zuzuschreiben gewesen. Was für eine Fehleinschätzung.

Noch während sich Ende der 1990er Jahre Psychologen und Justizbeamte in verschiedenen Gerichtsinstanzen darüber stritten, ob Zurwehme noch gefährlich ist oder nicht, ob er vorzeitig aus seiner lebenslangen Freiheitsstrafe entlassen werden könne oder nicht, schaffte Zurwehme selbst Fakten. Von seinem insgesamt 166. Freigang kehrte er am 2. Dezember 1998 nicht mehr ins Gefängnis zurück.

Er floh in die Niederlande und brach auf Campingplätzen in Wohnwagen ein, in denen er die Nächte verbrachte. Über dort begangene Straftaten wurde der deutschen Justiz nur wenig bekannt. Im März 1999 kam er mit einem vermutlich gestohlenen Fahrrad zurück nach Deutschland und fuhr am Rhein entlang über Düsseldorf, Köln und Bonn nach Remagen. Am Ortseingang entdeckte er am 19. März 1999 eine leerstehende Villa, die gerade renoviert wurde. Er brach ein und übernachtete dort.

Als am nächsten Vormittag der Eigentümer kam und Zurwehme entdeckte, drohte er ihm damit, die Polizei zu verständigen. Zurwehme zog ein gestohlenes Kampfmesser und stach zu. Der Mann starb. Zurwehme durchsuchte den Toten und nahm ihm Geld und Wertsachen ab. Als das Handy des Mannes klingelte, nahm Zurwehme den Anruf an: die Ehefrau. Zurwehme sagte ihr, es sei etwas passiert, er werde es ihr persönlich schildern. Die Frau gab ihre Adresse heraus, Zurwehme machte sich auf den Weg; er wollte sehen, ob er nicht noch mehr Geld erbeuten konnte.

8000 Mark und weitere Leichen

Kurz nachdem die Frau ihn hereingelassen hatte, erschienen der Bruder der Frau mit seiner Gattin. Kurz darauf waren der Bruder und seine Gattin tot, erstochen. Die Frau des getöteten Mannes erlag wenige Tage später ihren Stichverletzungen am Hals, ohne zuvor wieder zu sich gekommen zu sein. Zurwehme fand 8000 Mark in der Wohnung und setzte seine Flucht fort.

Über die nächsten Wochen und Monate allein könnte man einen Film drehen, Zehntausende Polizisten in ganz Deutschland suchten Zurwehme und gingen jedem der Tausenden Hinweise nach, die aus der Bevölkerung kamen. Kurz nach den Morden hatte die Spurensicherung einen Fingerabdruck in der leerstehenden Villa gefunden, der sich als Zurwehmes herausstellte. Nun wusste die Polizei, nach wem sie zu suchen hatte.

 Beging im Jahr 1972 in Düren seinen ersten Mord: Dieter Zurwehme.
Beging im Jahr 1972 in Düren seinen ersten Mord: Dieter Zurwehme. Foto: dpa/dpaweb/Arne Dedert

Einmal gelang es Zurwehme, aus einem von der Polizei umstellten Maisfeld zu fliehen; bis heute ist nicht klar, wie das geschehen konnte. Unschuldige, die Zurwehme entfernt ähnlich sahen, wurden vorübergehend festgenommen und später wieder freigelassen. Ein Rentner aus Köln, den die Rezeptionistin eines Hotels in Thüringen für Zurwehme hielt, wurde von zwei ehemaligen DDR-Volkspolizisten, die die 1990 neu gegründete thüringische Polizei übernommen hatte, durch eine geschlossene Zimmertür erschossen.

Zurwehme hingegen reiste ohne Plan durch ganz Deutschland; oft in Nachtzügen, um einen Ort zum Schlafen zu haben. Als die 8000 Mark aufgebraucht waren, beging Zurwehme weitere Straftaten, um sein Leben zu finanzieren. Und am 21. Juli 1999 vergewaltigte er ein 15-jähriges Mädchen.

Hochzeit im Gefängnis

Zurwehmes Flucht endete am 19. August gegen 20 Uhr in Greifswald. Ein Autofahrer fuhr in der Stadt vier Mal an Zurwehme vorbei, der zu Fuß unterwegs war. Als der Autofahrer sicher war, dass er Zurwehme identifiziert hatte, rief er die Polizei. Den Beamten, die schließlich auf ihn zugingen, sagte Zurwehme: „Ich bin der, den Sie suchen.“ Zurwehme, völlig ausgemergelt, ausgehungert und erschöpft, ließ sich widerstandslos festnehmen. Im Sommer darauf wurde er vom Landgericht Koblenz abermals zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der pensionierte Hauptkommissar Gerhard Starke, der die Mordkommission in Remagen geleitet und Zurwehme anschließend durch ganz Deutschland gejagt hatte, erzählte vor einigen Jahren, wie vollkommen verroht und gefühlskalt Zurwehme ihm in den vielen Vernehmungen nach der Verhaftung vorgekommen sei. Völlig emotionslos, fast stolz habe er von den Morden und den anderen Straftaten berichtet.

Noch vor dem Beginn der Gerichtsverhandlung erreichten die ersten Liebesbriefe den Mörder im Gefängnis. Starke berichtete davon, dass Zurwehme mindestens 15 Heiratsanträge erhalten habe. Auch darüber sprach er mit Zurwehme, der die Kandidatinnen im Gefängnis vorsprechen ließ und sich dann für eine junge Frau aus Berlin entschied. Allerdings „habe ich der Kuh gesagt, dass sie erst mal 20 Kilo abnehmen soll“, erzählte Zurwehme dem vollkommen perplexen Hauptkommissar. Ihr Mann habe aber auch gute Seiten, die nur niemand kenne, sagte die Frau Jahre nach der Hochzeit im Gefängnis der „Bild“-Zeitung.

Vor einigen Jahren starb die Frau. Zurwehme verbüßt nun als Witwer seine Haftstrafe in einem Gefängnis in Bochum. In der Stadt also, in der er geboren wurde.