Düren: „Lieber nicht zu viel ins Fest reinpacken“

Düren: „Lieber nicht zu viel ins Fest reinpacken“

Täuscht der Eindruck, oder steht seit Jahrzehnten Heiligabend das gleiche Essen auf dem Tisch? Auch der Baum kommt einem irgendwie bekannt vor, selbst wenn er in diesem Jahr etwas weniger windschief ist. Welche Rolle spielen Rituale rund um Heiligabend? Wie lange spielen pubertierende Teenager mit? Und warum muss auch schlechte Laune einmal erlaubt sein?

DZ-Redakteur Stephan Johnen hat sich mit Dr. Norbert Weißig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, über den perfekten Heiligabend unterhalten.

Dr. Norbert Weißig ist Chefarzt der Abteilung Allgemeine Psychiatrie III und Psychotherapie in der LVR-Klinik Düren. Foto: Stephan Johnen

Herr Weißig, haben Sie eine Ahnung, wie Ihr Heiligabend aussehen wird?

Weißig: Mehr als nur eine Ahnung. Weihnachten gehört zu den wenigen Ereignissen im Leben, bei denen die allermeisten Menschen geradezu minutiös auflisten können, was geschehen wird.

Der Tag läuft nach dem gleichen Muster ab? Es gibt das gleiche Essen?

Weißig: Richtig.

Der Baum wird nach einem bestimmten Ritual geschmückt?

Weißig: Richtig.

Wir geraten über die gleichen Themen in Streit?

Weißig: Auch das kann passieren, besonders am Vorabend. Vor den Feiertagen sind die Terminkalender oft voll, es muss noch viel organisiert werden, die Vorweihnachtszeit ist äußerst stressig. Das ist das große Problem unserer Zeit: Die Abläufe werden immer stärker verdichtet. Jeder kennt das.

Stressig kann es doch das ganze Jahr über werden...

Weißig: Das Weihnachtsfest ist aber emotional sehr hoch beladen. Es ist das Fest der Familie, jeder Mensch hat gewisse Erwartungen. Ganz besonders an Weihnachten spielt das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung und Beziehung eine wichtige Rolle.

Weil für die Pflege von Beziehungen im beruflichen Alltag kaum noch Zeit bleibt?

Weißig: Statistisch betrachtet reden Ehepaare jeden Tag etwa sieben Minuten miteinander, die Pflege von Freundschaften geht im Alltag manchmal beinahe unter. Weihnachten wollen wir es anders machen, es richtig machen. Deswegen gibt es besonders viele Verlobungen unter dem Tannenbaum — aber auch Trennungen.

Wir wollen es richtig machen — kommen an dieser Stelle die Rituale ins Spiel?

Weißig: Neben dem Wunsch nach Bindung und Beziehung gibt es noch ein weiteres Grundbedürfnis, das Weihnachten Bedeutung gewinnt: Kontrolle. Rituale helfen uns, Abläufe zu kontrollieren. Das Fest bekommt eine innere Struktur.

Das ist der minutiöse Ablaufplan?

Weißig: Rituale geben eine gewisse Sicherheit. Aber sie haben noch eine andere Bedeutung: Sie stiften eine familiäre Identität. Über das Ritual des Weihnachtsessens können wir uns mehr von anderen Menschen unterscheiden als über das Smartphone oder den Kauf eines Autos. Jede Familie gibt von Generation zu Generation eine Tradition weiter, die zugleich eine Identität stiftet. Die Meiers feiern so, die Schmitzens so, die Weißigs so.

Die Kinder übernehmen diese Rituale völlig unbewusst?

Weißig: In der Pubertät empfinden manche Jugendliche das alles als zu viel — und begehren dagegen auf. Das ist völlig normal und gehört zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Was sollen Eltern in dieser Situation tun?

Weißig: Es ist wichtig, dass eine Feier nicht zum Zwang wird. Eine völlige Aufgabe aller Rituale allerdings führt zu einer Verwahrlosung. Weihnachten sollte uns nicht egal sein, auch rebellierende Teenager haben eine Sehnsucht nach festen Strukturen. Ich rate dazu, an bestimmten Ritualen und Abläufen festzuhalten: dem gemeinsamen Essen, der Bescherung im Kreis der Familie. Danach können die Jugendlichen ja etwas anderes machen, auf eine Party gehen. Eltern müssen das aushalten.

Wird dadurch nicht das Weihnachtsfest ruiniert?

Weißig: Die Erfahrung zeigt, dass auch Kinder, die in Opposition zu den Ritualen der Eltern gegangen sind, spätestens dann, wenn sie selbst Eltern werden, die Tradition aufgreifen und fortsetzen. Mancher Streit zu Weihnachten rührt übrigens daher, dass bei Paaren zwei Ideen, wie das Fest zu feiern sei, aufeinander treffen. Meist setzt sich eine Familientradition durch. Aber zurück zur Frage: Das Fest wird ruiniert, wenn unser Bedürfnis nach Kontrolle zur Manie wird.

Wie ist das zu verstehen?

Weißig: Muss, muss, muss. Das Essen muss perfekt sein, alle müssen gut drauf sein, es muss Schnee liegen. Wer die Erwartungshaltung zu hoch ansetzt, setzt sich selbst und alle anderen unter Druck.

Perfektionismus hat an Weihnachten nichts zu suchen?

Weißig: Im Kopf mag das alles klappen, aber nur selten in der Realität. Weihnachten darf Spaß machen, eine lustvolle Erfahrung sein.

Ihre Tipps für ein gelungenes Fest?

Weißig: Nicht zu viel ins Fest reinpacken. Über Fehler und Pannen auch mal schmunzeln. Der Tag sollte langsam angegangen werden, nicht übertaktet, nicht überladen.

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