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Düren: Lesung über Urin weckt bei den Lesern Interesse statt Ekel

Düren : Lesung über Urin weckt bei den Lesern Interesse statt Ekel

Wussten Sie, dass Urin als Energielieferant für Mobiltelefone, Batterien und als Trinkwasser auf der ISS (International Space Station) genutzt wird? Oder dass er als traditionelles Mittel in Landwirtschaft, Haushalt und Medizin Anwendung fand und findet?

Das Interesse von Journalistin Carmen Thomas an diesem „besonderen Saft“ wurde 1977 geweckt, als sie in der Zeitung las, dass ein 86 Jahre alter Politiker aus Indien jeden Morgen eine Tasse Eigenurin trank — und dabei „super aussah“. Sie begann zu recherchieren und über Jahre immer mehr Wissen über Urin zusammenzutragen. Carmen Thomas überwand bei wachsendem Wissen den anfänglichen Ekel vor dem Thema. Dass die Auseinandersetzung mit diesem menschlichen Ausscheidungsprodukt sehr kurzweilig, informativ und unterhaltsam sein kann, bewies sie ihrem Publikum bei einer ausverkauften Lesung in der Stadtbücherei Düren.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die Journalistin in einem Buch „Ein ganz besonderer Saft — Urin“ die bisherigen Kenntnisse über Urin zusammenfasste und diese einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachte. Das Buch wurde ein Bestseller, die Menschen redeten über ein Tabuthema, alte Hausmittel wurden wieder modern. „Das Wissen versickert aber wieder, die Menschen ekeln sich wieder mehr“, erklärte die Autorin, warum sie sich in jüngster Zeit noch einmal schlaugemacht und herausgefunden hat, welche Möglichkeiten der Nutzung in den vergangenen 25 Jahren noch hinzugekommen sind.

Der Abend startete mit einer Reise durch die Menschheitsgeschichte: Urin wurde zum Härten von Schwertern eingesetzt, in der Käseherstellung, bei der Tabakbeize und in der Stoffproduktion. In der Landwirtschaft wurde Urin zum Vorkeimen der Samen eingesetzt, um den Ertrag zu vergrößern. Auch in der Medizin ist der Einsatz von Urin bis hin zu den alten Ägyptern dokumentiert. „Urin, der Bienen anlockt, war ein Zeichen für eine Zuckerkrankheit“, referierte sie. War der Mensch gesund, kamen Schmetterlinge. Auch bei der Haarpflege soll Urin Wunder wirken. „Bei kreisrundem Haarausfall wächst aber gar nichts, da können Sie sich Pferdeäpfel auf den Kopf setzen“, warnte sie augenzwinkernd vor allzu großen Hoffnungen.

Keine Berührungsängste

Berührungsängste hatten die Zuhörer nicht. Schilderungen von Carmen Thomas über die Wirksamkeit der inneren und äußeren Anwendung von Urin wurden von Beispielen aus dem Publikum unterstrichen. Hautkrankheiten, Schlafstörungen, Darmerkrankungen, Allergien: allesamt potenzielle Anwendungsmöglichkeiten, berichtet Carmen Thomas. „Die Menschen wissen schon seit Jahrhunderten, was der Urin Positives bewirkt“, ist die 72-Jährige überzeugt.

Nur wurde das Thema immer mehr zum Tabu, der Ekel wuchs, das Wissen wurde gerade in den Industrienationen verschüttet. Tabuthemen reizen die Journalistin und Autorin. So hat sie neben Urin beispielsweise auch über den Umgang mit Leichen geschrieben. „Menschen brauchen bei solchen Themen einen Anlass, um darüber sprechen zu dürfen“, erklärte sie.

Der Blick richtete sich am Dienstagabend aber nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft: Carmen Thomas stellte aktuelle Forschungsergebnisse rund um das Potenzial des „besonderen Saftes“ vor. Urin könne durchaus ein Rohstoff der Zukunft sein: sei es in der Energieerzeugung oder bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes.

In China würde beispielsweise in Kasernen und Schulen schon Urin gesammelt — für die Energieerzeugung und die Phosphatproduktion. „Das Thema ist so interessant, dass die EU Forschungsmittel bereitgestellt hat“, schloss Carmen Thomas ihren Ausblick.

(sj)