Leser werfen Blick hinter die Kulissen der Annakirmes

Von US-Geistern und einer Kuh-Gondel : Leser werfen einen Blick hinter die Kulissen der Annakirmes

Geister made in USA, Auto­scooter aus Italien, Würstchen aus Bad Vilbel, gebrannte Mandeln aus Spanien – die Annakirmes ist international, wie 20 Abonnenten unserer Zeitung beim traditionellen Blick hinter die Kulissen erfuhren.

Aber im einzelnen: Geisterbahnen haben oft keinen guten Ruf. Daher ist der Düsseldorfer Hermann Fellerhoff nach dem Kauf seiner „Geisterstadt“ 2010 erst einmal in die USA gereist. Im Land des Halloween-Kults werden einzigartige und besonders aufwändige Gruselfiguren hergestellt, von denen die Fellerhoffs mittlerweile mehr als 20 mit Druckluftmechanik betriebene Exemplare in ihrer Bahn verbaut haben.

Diese wird in Fachkreisen zu den spektakulärsten auf der Reise gezählt, wie Dürens Schaustellerchef Bert Cremer gerne betont. Dass dies nicht nur eine Phrase ist, erlebten die Teilnehmer der exklusiven Rummelrunde am eigenen Leib, als bei einem Rundgang durch die dunkle Bahn plötzlich ein Zombie mit einer Kettensäge in der Hand und täuschend echten Geräuschen aus dem Nichts auf sie zuschoss – nichts für schwache Nerven.

Bis zu 750 Fahrgäste kann Fellerhoff pro Stunde durch die Bahn schleusen, alle zwölf Sekunden eine Gondel, damit die Figuren auch wieder auf ihre Ausgangspositionen zurückkehren können.

Bis zu 750 Fahrgäste können pro Stunde die Geisterbahn besuchen. Foto: ZVA/Jörg Abels

Aus Italien stammen die neuen Wagen von Autoscooter-Betreiber Hans-Otto Grass, die driften können. Stückpreis 6000 Euro, verriet der Dürener Schausteller. „Es gibt bislang nur vier Betriebe in Deutschland, die über diese neue Technik verfügen, zwei stehen auf der Annakirmes.“ Gedriftet wird über die Hinterachse, immer dann, wenn der Mann an der Kasse dies per Funksignal freigibt, erklärte der 34-Jährige. Er ist selbst überrascht, wie gut die neuen Wagen angenommen werden und kündigte fürs kommende Jahr weitere „Drifting-Scooter“ an. Lenkt der Fahrer dann nach links, bricht das Heck des Scooters nach rechts aus.

Es sind diese kleinen Geheimnisse und technischen Details, die die Leser auch in der Stromzentrale der Annakirmes faszinierten, wo Netzmeister Oliver Perz von der Stadtwerke-Tochter Leitungspartner dafür sorgt, dass sich die Fahrgeschäfte drehen und all die bunten Lichter leuchten. 280 Anschlüsse, verteilt auf acht Transformatoren, versorgen die Annakirmes in den neun Tagen, inklusive Auf- und Abbau mit 260.000 Kilowattstunden Strom, dem Jahresverbrauch von etwa 70 Haushalten.

280 Anschlüsse, verteilt auf acht Transformatoren, versorgen die Annakirmes in den neun Tagen. Foto: ZVA/Jörg Abels

Und weil es Perz gerne anschaulich macht, lieferte er gleich ein Beispiel mit: „Mit dem Tagesverbrauch der Kirmes könnte ein Elektroauto dreimal um die Welt fahren.“ Am Stromlimit ist die Kirmes jedoch bei weitem nicht. „Wir könnten die dreifache Leistung zur Verfügung stellen“, versicherte Perz, auch wenn er im Vorfeld immer genau darauf achtet, wo welches Geschäft angeschlossen wird. Denn wenn zum Beispiel der „Breakdancer“ startet, wird in etwa so viel Energie benötigt, wie zum Anschalten von 170 Staubsaugern. Wie das beliebte Rundfahrgeschäft funktioniert, erklärte Claudia Dreher-Vespermann bei einer Stippvisite unter der rotierenden Scheibe.

Wie der „Breakdancer“ funktioniert, erklärte Claudia Dreher-Vespermann bei einer Stippvisite unter der rotierenden Scheibe. Foto: ZVA/Jörg Abels

Bei einer Auktion ersteigert

Und sie lüftete das Geheimnis der Kuh-Gondel, dem Markenzeichen der beiden von der Schaustellerfamilie mitentwickelten „Breakdancer“. „Sie stammen aus einer Auktion des Herstellers Huss, bei der mein Mann einen Container ersteigert hatte, in dem wir andere Sachen vermuteten“, berichtete die Bremerin. „Offenbar waren die Kuhgondeln einmal für einen Freizeitpark gebaut worden.“ Jetzt sind sie die Attraktion bei Dreher-Vespermann.

Markenzeichen von Thomas Koch ist seine Bratwurst. Und die bekommt der Freiburger Gastronom dreimal die Woche mit anderen Leckereien von einem Metzger aus Bad Vilbel angliefert. „Mit dem hat schon mein Vater zusammengearbeitet“, erzählte der 59-Jährige, der mit zehn Transportern und zehn Festangestellten nach Düren gekommen ist, überdies aber auch noch 40 Aushilfskräfte beschäftigt, in einem Reich, dass außerhalb des Kirmesplatzes noch einmal so groß ist – mit Kühlwagen, eigener Wäscherei, Spülstraße für die Gläser und nicht zu vergessen, den Wohnwagen der Familie und Mitarbeiter.

 Noch ein Stück größer ist das Bierdorf des Mönchengladbachers Bruno Drehsen, der mit acht Mitarbeitern 17 Tage in Düren aufgebaut hat, um dann nach der Annakirmes binnen 24 Stunden wieder alles einzupacken und zum „Öcher Bend“ weiterzuziehen. Allein 16.000 Euro Standgeld muss Drehsen an die Stadt zahlen, neben all den übrigen Kosten. Rund 2500 Gläser gehen bei ihm an den neun Tagen kaputt oder verloren, bei seinem Kollegen Koch sind es noch deutlich mehr: Stückpreis: 1,80 Euro, von dem die Brauerei die Hälfte übernimmt, erklärte Drehsen. Angesichts der sich immer weiter drehenden Kostenspirale steht für beide Kirmeswirte aber jetzt schon fest, dass der Bierpreis (derzeit: zehn Euro/Liter) nicht mehr lange zu halten sein wird.

Eine Fahrt auf der denkmalgeschützten „Fahrt ins Paradies“ aus dem Jahr 1939, ein Blick auf die Herstellung von Mandeln und Zuckerwatte und zahlreiche Details, die Bert Cremer und seine Kollegen Udo Lausberg und Johann Bügler vom VRS Düren noch zwischen den einzelnen Stationen gaben, ließen die mehr als vierstündige Tour wie im Fluge vergehen und das Verständnis der Leser für die eine oder andere Preisgestaltung wachsen.

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