Düren: Lernen, mit der Krankheit umzugehen

Düren: Lernen, mit der Krankheit umzugehen

„Sie haben das Gefühl, sie fahren in einen Tunnel hinein und sehen nur noch schwarz“, beschreibt Gerd Keutgen die Situation eines Menschen, der Angehöriger eines psychisch Kranken ist. Der 66-jährige Angestellte im Ruhestand leitet die Gruppe „Angehörige psychisch kranker Menschen“.

Vor mehr als zehn Jahren kam er mit seiner Frau selbst als Betroffener hinzu. Als die Gruppe sechs Jahre später drohte, auseinanderzufallen, weil sich die damalige Sprecherin aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste, übernahm Gerd Keutgen die Funktion des Moderators und Organisators. „Obwohl“, das betont er, „in der Gruppe alle irgendwo gleichverantwortlich sind.“

In dem Zusammenschluss, den regelmäßig zwischen drei und zwölf Personen besuchen, treffen sich Angehörige von Menschen, die beispielsweise an Depressionen, Psychosen, Schizophrenie und Borderline leiden. Gerd Keutgen sagt: „Es gibt verschiedene Phasen, in denen die Angehörigen zu uns kommen.“ So etwa, wenn sie merken, dass sich der Verwandte oder Freund nicht mehr so benimmt wie früher, aber noch nicht beim Arzt war. Oder die Phase, in denen der Betroffene bereits stationär oder ambulant behandelt wird. Keutgen: „Viele Menschen, die behandelt werden müssen, sehen ihre Krankheit zunächst nicht ein.“

Besonders schwierig ist die Situation für Eltern, deren Kinder betroffen sind, und wo sich die Eltern nicht rausziehen können, weil sie Verantwortung haben. Keutgen: „Da hat man jemanden zu Hause, der Hilfe braucht, ist aber selbst total hilflos und irgendwann völlig überfordert.“ Diese Überforderung und der ständige Druck können sogar dazu führen, dass auch der Angehörige erkrankt. Aus Erfahrung sagt der Sprecher der Gruppe: „Die meisten kommen, wenn sie nicht mehr können, und bereits einen langen Leidensweg hinter sich haben.“

Die Selbsthilfegruppe könne keinen „Königsweg“ aufzeigen. Stattdessen werde sich ausgetauscht, manche würden berichten, wie es ihnen geht, welche medizinische Hilfe in Anspruch genommen wurde, manche wollten einfach nur zuhören. Die Personen bleiben in der Regel anonym, sprechen sich mit dem Vornamen und mit „Du“ an. Kommt jemand neu hinzu, dann erhält er ein paar Empfehlungen. Das, was in der Gruppe beredet wird, ist selbstverständlich streng vertraulich. Man redet über sich und nicht über andere.

Die Sitzungen sind zeitlich auf anderthalb bis zweieinhalb Stunden begrenzt. Keutgen: „Niemand kann alle Probleme während einer Sitzung lösen, und das wird auch nicht versucht.“ Ratschläge bleiben in der Regel außen vor, es sei denn, jemand fragt danach. Stattdessen sollen Erfahrungen weitergegeben werden, aus denen die Teilnehmer Stärkung und Hilfe ziehen können.

Wichtig sei, dass die Menschen in der Selbsthilfegruppe frei reden können, und die anderen das auch wirklich verstehen, weil sie ebenfalls betroffen sind. Der offene Umgang miteinander und mit den Problemen bildet die Grundlage der Zusammenkunft.

Vorträge von Fachleuten werden angeboten, wenn Bedarf besteht. Keutgen: „Viele gehen mit einem befreiten Gefühl nach Hause.“ Die Selbsthilfegruppe begleitet die Betroffenen oft auf dem Findungsweg. So lernen die Angehörigen, mit der Situation umzugehen. Eventuell lernen sie auch den schweren Schritt des Loslassens. „Ich kann es nicht ändern, aber ich kann mich ändern“, lautet die Idee, die zur Verbesserung der Lage führen kann.

Manchmal sind es auch Schockmomente wie Trennung oder Kündigung, die die Kranken aufrütteln. Keutgen nennt ein Beispiel: „Ein männlicher Partner, 30 Jahre alt, ist berufstätig, besitzt einen mittleren bis gehobenen Bildungsstand, hat Kinder und leidet an Depressionen, ohne es wirklich zu wissen. Er zieht sich zunehmend zurück, liegt im abgedunkelten Zimmer häufig auf dem Bett, vernachlässigt zunehmend alltägliche Arbeiten, die Partnerschaft funktioniert nicht mehr.“

Die Familie leidet, irgendwann hält die Partnerin den Leidensdruck nicht mehr aus und sucht die Selbsthilfegruppe auf, mit oder ohne Wissen ihres Partners. Keutgen: „Die Hemmschwelle ist oft hoch, daher bleiben unsere Teilnehmer gerne anonym, selbst der Familie gegenüber möchten sie zunächst nichts sagen.“ Was viele beflügelt: „Es gibt Geschichten, die gut ausgehen“, sagt Keutgen. „Vielleicht wird die Krankheit nicht besiegt, aber man lernt, damit umzugehen. Auf einmal sieht man Licht am Ende des Tunnels, mal kleiner, mal größer, und irgendwann ist man raus.“