Nörvenich: Lehrjahre in der Kaserne, aber ohne Uniform

Nörvenich: Lehrjahre in der Kaserne, aber ohne Uniform

Die einen versuchen sich an einfachen Lötarbeiten, andere üben den Umgang mit Werkzeugen und Maschinen — die handwerklichen Grundkenntnisse stehen am Beginn jeder Ausbildung. Das ist nichts Besonderes. Nur sitzen die jungen Männer und Frauen nicht in einer irgendeiner Ausbildungswerkstatt, sondern in einer der Bundeswehr, genauer gesagt in der Kaserne Haus Hardt.

Seit fast 30 Jahren bildet die Bundeswehr in Nörvenich aus, aktuell zum Elektroniker für Geräte und Systeme. Jedes Jahr stehen zwölf Plätze zur Verfügung.

Oberstleutnant Christian Lörch und Ausbildungsleiter Hans-Hermann Harms wollen niemanden überreden, bei der Bundeswehr zu bleiben.

Uniformen jedoch sucht man in der Ausbildungswerkstatt vergeblich. Denn was die Wenigsten wissen: Wer eine Ausbildung bei der Bundeswehr anstrebt, muss sich nicht vorab für eine längere Dienstzeit bei den Streitkräften verpflichten. „Das ist keine Einstellungsvoraussetzung“, betont Ausbildungsleiter Hans-Hermann Harms. Die Ausbildung ist vollkommen losgelöst.

Einzige Schnittstelle sind die praktischen Ausbildungsinhalte, bei denen die angehenden Elektroniker den nahen Fliegerhorst kennenlernen, beispielsweise die Werkstätten der Elektronik- und der Instandsetzungsstaffel. Die Ausbildung an sich erfolgt wie überall in Deutschland im dualen System, das heißt zum einen im Betrieb „Bundeswehr“ und zum anderen in der Berufsschule. Und am Ende steht die Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer — so wie bei jeder Ausbildung in einem ganz normalen Betrieb.

Aber natürlich macht man auch in Nörvenich keinen Hehl daraus, dass der berufliche Weg der jungen Männer und Frauen nach erfolgreich absolvierter Ausbildung möglichst in die Bundeswehr führen soll. Denn seit der Aussetzung der Wehrpflicht spielen die Ausbildungswerkstätten für Heer, Luftwaffe und Marine im Wettbewerb mit der Wirtschaft um qualifizierten Nachwuchs eine immer wichtigere Rolle.

„Schließlich ist heute niemand mehr gezwungen, sich mit der Bundeswehr auseinanderzusetzen“, erklärt Oberstleutnant Christian Lörch. Damit aber bleiben auch die Möglichkeiten des Arbeitgebers Bundeswehr oft im Verborgenen, betont der Kommandeur der Technischen Gruppe beim „Boelcke“-Geschwader. „Die Ausbildungswerkstätten bieten den Jugendlichen daher eine gute Gelegenheit, unverbindlich bei uns reinzuschnuppern.“

Auch Schulpraktika sind möglich. „Wir haben jährlich zwischen 50 und 80 Praktikanten“, erklärt Hans-Hermann Harms, aktuell sogar einen aus Düsseldorf, der die Herbstferien zur beruflichen Orientierung nutzt.

Während der dreieinhalbjährigen Ausbildung werden die angehenden Elektroniker auch über die militärischen und zivilen Arbeitsfelder bei der Bundeswehr informiert, „überredet aber wird niemand“, versichert Lörch. „Wer überredet wurde und nicht überzeugt ist, hilft uns in der Regel nicht weiter.“

Wer sich für eine militärische Laufbahn entscheidet, muss — wie immer bei der Bundeswehr — eine gehörige Portion Flexibilität mitbringen. Nur wenige haben die Chance, nach der Grundausbildung auf den Fliegerhorst zurückzukommen.

Trotzdem — und obwohl auch immer wieder Betriebe aus dem Umfeld der Kaserne ihre Fühler nach den angehenden Elektronikern ausstrecken —, entscheiden sich die meisten für einen Verbleib bei der Bundeswehr. Von 271 Jugendlichen, die seit 1984 in Nörvenich erfolgreich ausgebildet wurden, waren es 76 Prozent.

Eine Quote, die nicht in allen Ausbildungswerkstätten der Bundeswehr erreicht wird. Entsprechend „stolz“ ist Harms auf die Nörvenicher Zahlen: 129 wurden Soldat auf Zeit, 30 Arbeitnehmer beim Bund, 48 traten bis 2011 nach der Prüfung ihre Wehrpflicht an.

Soweit denken die jungen Männer und Frauen, die gerade ihre 42-monatige Ausbildung begonnen haben, noch nicht. Bevor sie sich intensiv mit ihrer Zukunft beschäftigen werden, stehen handwerkliche und elektronische Grundlagen auf dem Lehrplan.

Mehr von Aachener Zeitung