Junges Ehepaar übernimmt älteste Gaststätte St. Martin in Langerwehe

Älteste Kneipe in Langerwehe hat neue Besitzer : Wohnung gesucht, Gaststätte übernommen

Kneipiers zu werden, war im Lebensplan von Laura und Lennart Jacobsen eigentlich nicht vorgesehen – und doch sind die jungen Eltern seit wenigen Wochen genau das. Die 26-jährige Hotelkauffrau und Informatikerin und der 29-jährige Maschinenbau-Ingenieur, der gerade an der RWTH Aachen promoviert, haben die älteste Kneipe in Langerwehe, die Gaststätte St. Martin, übernommen. Und das, obwohl sie nur ein neues Zuhause für sich, Söhnchen Jacob und ihre vier Hunde gesucht hatten.

„Ich arbeite in Aachen, meine Frau kann von zu Hause aus arbeiten“, erzählt Lennart Jacobson. „Und da sind wir auf das alte Gebäude gestoßen. Als wir von der Gaststätte gehört haben, haben wir erst gedacht: ‚Das geht nicht, das ist Quatsch.’“

Trotzdem haben die Jacobsens sich die Immobilie im April vergangenen Jahres zum ersten Mal angesehen. Lennart Jacobsen: „Und die Idee von diesem Haus und der Gaststätte hat uns nicht mehr losgelassen. Als dann auch die Bank unser Projekt sofort unterstützt hat, haben wir uns entschlossen, das Haus zu kaufen, und es auch mit der Kneipe zu versuchen.“

Dabei war von Anfang an klar, dass sie die Gaststätte nur nebenberuflich betreiben wollten. „Das bedeutet aber nicht, dass wir es nicht gut machen“, betont Lennart Jocabsen. Es war den jungen Leuten wichtig, den Schritt in die Gastronomie ohne Bindung an einen Bierverlag zu machen. „Wir wollen unabhängig sein. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass wir Dinge wie eine neue Theke, die wir uns noch wünschen, selbst finanzieren müssen.“ So wie die Kernsanierung des Hauses, das unter Denkmalschutz steht und bei der unter anderem rund 400 Jahre alte Dielenböden zum Vorschein gekommen sind, auch.

Laura und Lennart Jacobsen. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Unabhängigkeit ist den Jacobsens aber auch deswegen wichtig, weil sie nur Getränke anbieten, die im Radius von rund 50 Kilometern um Langerwehe produziert werden. „Ich sehe nicht ein, warum ein Limonadenhersteller aus Alabama an uns verdienen soll, wenn es auch in der Nähe von Köln eine Firma gibt, die Cola produziert,“ sagt Lennart Jacobsen. Das Bier kommt aus Linnich und Lennart Jacobsen hat in dem selbst vorgegebenen Radius sogar zwölf Destillerien gefunden, die Gin brennen. Eine eigene Küche haben die Nachwuchs-Gastronomen nicht, sie wollen aber mit Langerweher Geschäften Kooperationen eingehen, damit kein Gast gehen muss, nur weil er Hunger hat.

Dass junge Leute wie Laura und Lennart Jacobsen eine Kneipe übernehmen, ist in Zeiten, wo fast überall ein Kneipensterben beklagt wird, eine Besonderheit. Auch im Kreis Düren hat die Zahl der Schankbetriebe in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Heute gibt es davon in der Region noch 128. Matthias Johnen vom Deutschen Holtel- und Gaststättenverband (Dehoga) erklärt: „Uns liegen nur die Zahlen  bis 2017 vor, weil es seitdem keine Betriebsstättenzählung mehr gibt. Ich kann aber sagen, dass es von 1987 bis 2017 einen Rückgang von 70,7 Prozent an Gaststätten im Kreis Düren gegeben hat. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen lag der Rückgang bei 66,9 Prozent.“ Die Gründe für dieses Kneipensterben liegen auf der Hand. Die Dehoga spricht von einem geänderten Ausgehverhalten mit so vielen Angeboten, dass die Eckkneipe einfach das Nachsehen habe. Außerdem machten das Rauchverbot und der Preiskampf vielen Gastronomen sehr zu schaffen.

Harte Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten

Im Einzelhandel, nennt Johnen ein Beispiel, sei der Liter Bier mittlerweile zum Preis von unter einem Euro zu haben. Wirte zahlten im Einkauf mittlerweile rund 2,30 Euro, also mehr als das Doppelte. Hinzu kämen harte Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten, die für viele einfach abschreckend wären.

Lennart und Laura Jacobsen glauben auch, dass es sehr schwierig ist, nur als Kneipier zu überleben. „Dass wir beide noch einen anderen Job haben, ist schon sehr wichtig“, sagt Laura Jacobsen. Die Gaststätte sei für sie ein Stück weit auch eine Plattform. „Vielleicht können wir Menschen mit wichtigen Anliegen ein Forum bieten“, sagt die 26-Jährige. „Oder selbst Projekte anstoßen.“ So wie das „Benefiztrinken“, das demnächst alle sechs bis acht Wochen stattfinden soll. Lennart Jacobson: „Wir wollen in regelmäßigen Abständen den kompletten Umsatz eines Abends für einen guten Zweck spenden.“

Übrigens sind die beiden Jung-Gastronomen mit dem Start ihrer Kneipe zufrieden. Sie sprechen schon von Stammkunden und haben sogar schon Kräfte für den Service eingestellt. „Wir sind zuversichtlich, dass es funktioniert“, sagt Lennart Jacobsen und schmunzelt. „Und wenn es wider Erwarten nicht klappt, kann die Kneipe ja immer noch unser Wohnzimmer werden.“

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