Landestheater Detmold mit „Tosca" im Haus der Stadt

Oper : Gipfeltreffen der großen Gefühle

Giacomo Puccinis Opern-Meisterwerk „Tosca“ ist ein Gipfeltreffen der großen Gefühle. Dies kann man von sehr vielen Opern sagen. Aber Puccini setzt in seinem „Melodramma“ noch eins drauf.

Liebe trifft auf Eifersucht und Hass. Loyalität und Freundschaft begegnen Verrat und Machtgier. Kirche, Staat und Politik vermischen zu undurchsichtiger Gemengelage, wenn das Schicksal der gefeierten Sängerin Tosca seinen Lauf nimmt. Das Landestheater Detmold spielte im Haus der Stadt die letzte Vorstellung einer atmosphärisch dichten Inszenierung mit herausragenden Stimmen und einem hervorragenden Orchester unter der Leitung von Mathias Mönius.

Die Oper in drei Akten erzählt die Geschichte der erfolgreichen Sängerin Floria Tosca (Megan Marie Hart) und ihres Lebensgefährten, des Malers Mario Cavaradossi (Ewandro Stenzowski). Von jetzt auf gleich werden sie aus ihrer Kunstwelt in die Welt des absolutistischen Barons Scarpia (Insu Hwang) geschleudert, der Rom im Namen der neapolitonischen Krone zum Polizeistaat gemacht hat, als dessen korruptes Oberhaupt er sich präsentiert.

Die Figuren bewegen sich vor historisch belegten Fakten. Blaupause für die Ereignisse auf der Bühne ist die Schlacht bei Marengo in Frankreich im Jahr 1800. Rom bangt, ob sich die erst frisch gefügten Machtverhältnisse zugunsten des neapolitanischen Königreichs bestätigen oder sich, mit einem Sieg Napoleons, wiederum zugunsten der französischen Republikaner verändern würden.

Tosca (Megan Marie Hart) fleht um Gnade bei Scarpia (Insu Hwang). Foto: Anke Holgersson/Anke Holgerssohn

In Puccinis moderner Oper „Tosca“ beginnt der Thriller zwischen Royalisten und Republikanern mit der ersten Szene. Glückliche Momente sind hauptsächlich Gegenstand von Rückblicken.

Der erste Akt spielt in einer Kirche, in die sich der vom Regime verfolgte Republikaner Cesare Angelotti (Benjamin Lewis) rettet. Cavaradossi flüchtet mit ihm in das Landhaus der beiden Liebenden. Mit einer List gelingt es Scarpia, in Tosca Eifersucht zu schüren. Prompt läuft sie zum geheimen Liebesnest, um zu prüfen, ob sie hintergangen wird und liefert ihren Liebsten so den Häschern des Systems aus.

Der zweite und dritte Akt zeigt beide auf der Engelsburg. Cavaradossi wird gefoltert und Tosca lässt sich darauf ein, mit Scarpia zu schlafen, um ihren Geliebten zu retten, der hingerichtet werden soll. Als Lohn für den Handel soll Cavaradossi nur zum Schein erschossen werden. Bevor es zu Intimitäten kommt, kann Tosca Scarpia überwältigen und erstechen. Seinen Brief, der Tosca freies Geleit bescheinigt, entreißt sie ihm zuvor und eilt zu Cavaradossi, um ihn in den Plan der gefakten Hinrichtung einzuweihen. Leider hatte Scarpia mit Tosca ein doppeltes Spiel gespielt. Die Patronen sind echt. Cavaradossi stirbt und auch Tosca erschiesst sich.

Regisseur Erno Weil hat sich entschieden, für seine Tosca-Inszenierung durchaus auch filmische Bilder zu suchen. Die mit Sonnenbrillen ausgestatteten Schergen rund um den Superschurken Scarpia erinnern zum Beispiel deutlich an die Figur des „Mr. Smith“ aus dem Science Fiction-Thriller „Matrix“.

Außerdem stattet Weil die Figuren mit Kostümen der 1950er Jahre aus. Damit deutet er eine Parallele zu einer Gesellschaft an, die von Verdrängung und unterschwelligem Trauma geprägt ist, was gut zu der Atmosphäre von Puccinis Oper passt.

Die amerikanische Sopranistin Megan Marie Hart zeigt in ihrem Spiel und Vortrag die Verletzlichkeit und Verzweiflung einer Tosca, die nicht geschaffen ist für die reale Welt. Sie ist Künstlerin und Liebende und sicher auch eine Opportunistin, denn mit einer anti-royalen Haltung, die die Machenschaften der Herrschenden im Polizeistaat in Frage stellen würde, hätte sie ihren Erfolg nicht absichern können. Hart schafft es, all diese Eigenschaften aufscheinen zu lassen. Mit ausdrucksstarker, facettenreicher Stimme sangsie die Titelrolle.

Insu Hwang brillierte als eiskalter Baron Scarpia mit schauspielerischer und gesanglicher Überzeugunskraft. Minimalistisch und Gänsehaut hervorrufend, wie er die kirchliche Geste des Bekreuzigens in einer Geste des Kopfabschneidens enden ließ.

Die Bühnengestaltung von Karin Fritz war genial. Das Unheimliche, das Bedrohliche zeigte sich in der von ihr entworfenen Kirche, die schließlich mit dem der Engelsburg, dem Ort von Folter, Hinrichtung und Tod, verschmolz. So konnte auch mit dem Bühnenbild angedeutet werden, was die Oper in sich trug: Den Vorwurf an die Institution der Kirche, die sich zum Handlanger der mit Grausamkeit Herrschenden mache. Ganz einfach, weil es ihr nützte.

Ein großer Opernabend im beinahe ausverkauften Haus der Stadt, der von den Zuschauern mit lang anhaltendem Applaus und Bravorufen belohnt wurde.

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