Arnoldsweiler/Niederzier: Kurs „Leben mit Demenz“ im Sophienhof hilft Pflegenden

Arnoldsweiler/Niederzier: Kurs „Leben mit Demenz“ im Sophienhof hilft Pflegenden

„Früher konnte ich das alles und wusste alles“, ist ein Satz, den die 84-jährige Mutter von Gabriele Freier aus Arnoldsweiler ab und an mal sagt. Die alte Dame hat Demenz und ist sich sehr bewusst, dass sie vieles vergisst. „Noch ist es ein Anfangsstadium“, erklärt Freier, aber Grund zum Handeln sah sie schon jetzt.

Während sie arbeitet, kümmert sich ihr Mann, Gregor Parksteinhoff, viel um seine Schwiegermutter, die ein paar Häuser weiter lebt. Das Paar hatte viele Fragen: „Wie reagieren wir, wenn die Demenz schlimmer wird? Wie verhalten wir uns, wenn die Mutter anders — vielleicht aggressiver — reagiert als früher? Und wie schaffen wir es, dass unsere Beziehung nicht unter der Situation leidet?“ Antworten auf diese Fragen haben die Beiden bei dem Pflegekurs „Leben mit Demenz“ in der Wohnanlage Sophienhof in Niederzier bekommen, der vom Landesverband der Alzheimer-Gesellschaften NRW und der AOK Rheinland/Hamburg angeboten wurde.

Aber nicht allein die Inhalte des Kurses brachten das Ehepaar weiter, sondern vor allem die ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründe der anderen Teilnehmer. So waren Angehörige eines Demenzkranken dabei, der plötzlich ins Krankenhaus und dann direkt in ein Pflegeheim eingeliefert werden musste. Eine junge Frau nahm an dem Kurs teil, weil sie mit dem Gedanken spielte, in dieser Richtung beruflich tätig zu werden. Eine andere hat im Arbeitsalltag schon mit Demenzkranken zu tun und nutzte den Kurs zur Auffrischung.

Weitere Teilnehmer pflegen Angehörige mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen von Demenz und das teilweise bereits länger als zehn Jahre. Allen 16 Interessierten war dabei gemein, dass sie sich im Kurs öffneten und ehrlich, teils hoch emotional erzählten. Durch die verschiedenen Perspektiven auf die gleiche Krankheit bekamen Freier und Parksteinhoff viele neue Einblicke, Gedankenanstöße und Hilfestellungen, erkannten die eigenen Sorgen und Probleme in den Situationen der anderen Teilnehmer wieder, konnten sich aber auch auf das vorbereiten, was mit der fortschreitenden Demenz noch auf sie zukommen könnte.

Fachliche Unterstützung gab es dabei von mehreren Spezialisten. Sie thematisierten die medizinischen Aspekte der Demenz, gaben hilfreiche Tipps für die Pflegenden, auch im Falle der Krisenbewältigung, zeigten Entlastungsmöglichkeiten sowie finanzielle und rechtliche Unterstützungsmöglichkeiten auf und halfen dabei, Demenzerkrankte besser zu verstehen.

Letzteres ist nämlich oft eine Hürde. Zum Beispiel wusste eine Fachfrau von einer alten Dame zu erzählen, die sich partout gegen alle Medikamente wehrte. Was vielleicht als altersstarrsinniges Trotzverhalten gedeutet werden konnte, hatte seinen Ursprung aber — wie man später herausfand — in der Kriegszeit. Noch von dieser Zeit war die Dame nämlich traumatisiert, da sie als eine Art Versuchskaninchen für vielerlei Pillen dienen musste.

Auch bei einem alten Herrn, der pünktlich ab zwei Uhr nachts wach war und die Mitarbeiter seines Pflegeheimes auf Trab hielt, war die Ursache für sein Verhalten in seiner Vergangenheit zu finden. Der Herr war sein ganzes Berufsleben lang Bäcker und war es gewöhnt, um diese Zeit sein Tagwerk zu beginnen. Als man dessen gewahr wurde, war es ein Leichtes, dem dementen Herrn um zwei Uhr nachts eine kleine Aufgabe, eine Beschäftigung zu geben, nach deren Verrichtung er zufrieden wieder ins Bett ging.

Mit diesen Geschichten im Hinterkopf machte sich auch Gregor Parksteinhoff gleich die Mühe, bei seiner Schwiegermutter nach prägenden Ereignissen in ihrer Vergangenheit zu fragen. Da es Dementen leichter fällt, sich an weit Zurückliegendes zu erinnern, sind es auch oft alte Bücher, Lieder und Geschichten, die ihnen eine Freude machen. Während die Schwiegermutter die immer gleiche Schallplatte rauf und runter hören könnte, ist das auf Dauer für den pflegenden Schwiegersohn nervenaufreibend. Als Tipp von der Fachfrau erfuhr er: Wenn die alte Dame das nächste Mal nach der Platte fragt, einfach kurz zur Toilette oder in den Garten gehen. Mit etwas Glück ist das immer gleiche Lied bei der Rückkehr schon wieder vergessen.

Eine der wichtigsten Lektionen, die Gabriele Freier aus dem Kurs mitgenommen hat, ist: „Das Herz wird nicht dement.“ Die 58-Jährige erläutert: „Was man mit dem Herz erlebt hat, das geht nicht verloren. Das Gehirn kann vielleicht nicht vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen, aber man darf die Demenzkranken nicht als verrückt darstellen.“

Auch Nähe zuzulassen und körperliche Berührungen, zum Beispiel am sehr gefühlsempfindlichen Handrücken, seien wichtig. Gregor Parksteinhoff nimmt für sich und den Umgang mit seiner Schwiegermutter mit, dass die Angehörigen in der häuslichen Pflege die Hauptbezugsperson für die Kranken sind. „Sind beide Seiten ausgeglichen, geht es auch beiden gut. Ist der Pflegende nervös und überfordert, so wirkt sich das sofort negativ auf die pflegebedürftige Person aus.“

„Wir würden den Kurs jederzeit wieder machen“, sind sich die Eheleute einig und berichten, dass es den anderen Teilnehmern ähnlich gehen muss. Schließlich habe an keinem der sechs aufeinanderfolgenden Abende auch nur ein Teilnehmer fehlte.

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