Kreuzauer Norbert Wortberg belegt beim Transcontinental Race Platz 80

Kreuzauer bei Ultra-Radrennen : Nach 4056 Kilometern nur nach Hause

Am Ende wollte Norbert Wortberg nur noch nach Hause. Zu seiner Familie in Kreuzau. Über 4000 Kilometer verbrachte er im Fahrradsattel, durchquerte beim siebten Transcontinental Race ganz Europa, um dann nach 15 Tagen und sieben Stunden im französischen Brest anzukommen.

Geschafft – im doppelten Sinne. Dass der 51-Jährige als Gesamt-80.  von 260 Extremradsportlern aus der ganzen Welt auch ein respektables Ergebnis eingefahren hat, war im Ziel nur noch Nebensache.

Neben schweren Beinen kam er auch mit zahlreichen Erinnerungen vor wenigen Tagen zu Hause an. Dass er das Extremrennen als „großes Abenteuer“ sah, bestätigte sich schließlich. Übernachtet wurde meist im Freien, lediglich mit einer Thermodecke gegen Bodenfeuchtigkeit und in einem Schlafsack geschützt. „Nur an Bushaltestellen konnte ich nicht schlafen – wie viele andere Teilnehmer“, gesteht er. Das Wetter sei auf seiner Seite gewesen, zwar habe es mal geregnet, aber Unwetter und schwere Gewitter habe er nicht erlebt.

Weniger Glück hatte er mit seiner Ausrüstung. Sieben Mal musste er einen platten Reifen flicken. „Da war ich schon ein Pechvogel“, berichtet er. Die Ursache war schnell gefunden: Der Mantel mit Schlauch war für die Schotterstrecken nicht geeignet. Auf einem Flohmarkt in Bulgarien fand er schließlich die Lösung seines Problems, einen gebrauchten Treckingbike-Reifen. In Serbien folgte ein Defekt, der in der Werkstatt sogar unbezahlte Überstunden auslöste. Der Schaltzug an Wortbergs Fahrrad hatte sich verklemmt, die Reparaturstelle war 90 Kilometer entfernt. „Ich hatte nur unter fünf Stunden Zeit, um dorthin zu gelangen, ehe sie schließt“, schildert er. Um 20.30 Uhr konnte der Mechaniker mit der Arbeit beginnen, um 23 Uhr war der Schaden behoben. Kostenlos – denn „der Mann war begeistert von meinem Vorhaben.“

Angekommen: Nach über 4000 Kilometern erreicht Norbert Wortberg die Atlantikküste. Foto: ZVA/Norbert Wortberg

Nicht nur die Strecke von über 4000 Kilometern war zu bewältigen, auch manchen Berg galt es zu überqueren. Einige davon kennen Fans von der Tour de France: den Col de Gabilier und Alpe d’Huez zum Beispiel. Nur rollten der Kreuzauer und die anderen Teilnehmer nicht im Rampenlicht über den Asphalt, sondern manche sogar im Dunkeln. Dies galt auch für Wortberg, der mit der Fahrt über den Hügel des Skiorts Alpe d’Huez auch drei Mitfahrer, ein Schweizer, ein Slowake und ein Japaner, verbindet. „Wir lagen alle etwa gleichauf und begegneten uns immer wieder“, sagt er. Den Anstieg erklommen die Vier, die Wortberg scherzhaft „Musketiere“ nannte, gemeinsam. Zwar hatte der Kreuzauer an dem Tag schon 4500 Höhenmetern in den Beinen, doch hinter dem Berg lag der nächste Checkpunkt. „Also sind wir noch um 20 Uhr in den Anstieg gefahren.“

Sämtliche Anekdoten Wortbergs von der Tour zu erzählen, würde ein Buch füllen. Manche lassen den Kreuzauer heute schmunzeln, auch wenn sie durchaus anstrengend waren. Als Frühaufsteher machte er sich meistens am frühen Morgen wieder auf den Weg. Einmal fuhr er allerdings in die falsche Richtung, was ihm erst drei Kilometer später auffiel, als er ein Gebäude erkannte, das er am Vortag passiert hatte.

Das Maskottchen des Sohnes hatte Norbert Wortberg auf 4000 Kilometern immer dabei. Foto: ZVA/Norbert Wortberg

Manches ambitioniert gesteckte Ziel konnte der Kreuzauer nicht erreichen. Die ursprünglich geplanten vier Stunden Schlaf pro Tag konnte er zum Beispiel nicht durchhalten. Auch sein Wunsch, schon nach 13 Tagen in Brest anzukommen, wurde schnell aufgegeben. In der Bretagne machte der scharfe Wind den Fahrern zu schaffen, 70 Kilometer fehlten noch bis zur Zielmarkierung, als er noch eine Übernachtung einschob.  Die große Fahrerparty und die Ankunft unter der vorgegebenen Höchstzeit wollte er sich jedoch nicht entgehen lassen. Als er schon am Abend mit anderen Radsportlern in Brest feierte, wurden die dann eintrudelnden Teilnehmer frenetisch angefeuert. „Das war ein tolles Erlebnis, da bekomme ich heute noch Gänsehaut“, berichtet er. Der letzte Fahrer überquerte übrigens 31 Tage nach dem Startschuss die Ziellinie – in der offiziellen Wertung taucht er nicht mehr auf.

Ohnehin schafften es nur 159 der 260 gestarteten Rennfahrer, unter der Zielmarke von 16 Tagen zu bleiben. Etwa 50 Extremsportler gaben während des Rennens auf, auch so mancher Favorit. So kam es, dass jemand gewann, den kaum jemand auf der Rechnung hatte: Fiona Kolbinger. „Ich habe sie kennen lernen dürfen und mich kurz mit ihr unterhalten“, sagt Wortberg. Inzwischen ist die 24-Jährige aus Dresden ein gefragter Interviewgast.

Die zweiwöchige To(rt)ur von der Schwarzmeerküste bis zum Atlantik spürt Norbert Wortberg noch heute in den Knochen. Dennoch hat er sich ein neues sportliches Ziel ausgeguckt, allerdings kein Rennen mehr über eine so große Strecke: „Ich bin froh, dass ich damit durch bin“, gesteht er. Die Fahrten vor allem über die Alpen beim Transcontinental Race seien „nicht nur Spaß“ gewesen. Er habe so manches Mal die „Zähne zusammenbeißen müssen“. Aber ein Rennen wie den „Eifel Graveller“, das Mountain-Biker etwa 650 Kilometer quer durch die hiesige Region führt, würde den 51-Jährigen schon reizen. Im kommenden Jahr.

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