Kreis Düren: Ehrenamtler helfen nach belastenden Einsätzen

Nachsorge-Team für Einsatzkräfte: Unterstützung nach belastenden Einsätzen

Der Einsatz ist vorbei. Ein Unfall, ein Rettungseinsatz, ein Feuer. Was manchmal bleibt ist ein bestimmtes Bild, ein Geräusch, ein Geruch. Die können zur Belastung werden – für den freiwilligen Feuerwehrmann, der zum ersten Mal zu einem tödlichen Unfall ausrücken muss, ebenso wie für den Rettungssanitäter, der vielleicht schon seit Jahren im Dienst ist, aber gerade Vater wurde und ein Kind wiederbeleben muss.

„Diese Belastungen können sich auf das Privat- und auf das Berufsleben auswirken. Deswegen ist es wichtig, diese Eindrücke zu verarbeiten“, erklärt Klaus Krauthausen. Vor mehr als 20 Jahren haben er und seine Mitstreiter daher das Einsatzkräfte-Nachsorge-Team im Kreis Düren (EkNT) gegründet.

„Für Einsatzmaterial gab es Warte, die sich darum gekümmert haben, aber um die Menschen hat sich keiner gekümmert“, erklärt Krauthausen. Das Verarbeiten der Eindrücke, von Ängsten und Sorgen waren jeder Person selbst überlassen. Jeder musste selbst schauen, wie er zurechtkommt. Das ist heute anders, und manch altgedienter Feuerwehrmann ist froh, dass die jungen Einsatzkräfte dieses Angebot von Anfang an nutzen können. Durch strukturierte Nachgespräche können die Belastungen und der Stress, der bei Einsätzen entsteht, abgefangen werden.

„Die Bilder in den Köpfen lassen sich nicht löschen“, weiß der Fachmann.  Und das sei auch nicht das Ziel. „Man darf sich bewusst erinnern, aber die Erfahrungen sollen nicht im Alltag immer wieder aufblitzen und diesen negativ beeinflussen“, erklärt Krauthausen. Es gehe also darum, den Einsatzkräften zu zeigen, wie sie diese Bilder verblassen lassen können, wie sie damit fertig werden können. Der erste Schritt dazu ist, den Einsatzkräften zu zeigen, dass sie ein völlig normales Empfinden auf ein unnormales Erlebnis zeigen.

Hilfe annehmen ist keine Schwäche

Klaus Krauthausen und Albert Dreyling leiten das Einsatzkräfte-Nachsorge-Team. Foto: ZVA/Sarah Maria Berners

Am Anfang ihrer Tätigkeit haben sich die Mitstreiter um die Helfer und die Angehörigen von Opfern gekümmert. „Das EkNT hat die Polizei beispielsweise auch bei der Überbringung von Todesnachrichten begleitet“, erklärt Albert Dreyling, der das EkNT mit Krauthausen leitet. Später haben sich aus der Gruppe heraus die Notfallseelsorger etabliert, das EkNT rückte die Einsatzkräfte wieder in den Fokus. „Es ist keine Schwäche, sich helfen zu lassen, mit uns zu sprechen. Niemand muss alles mit sich alleine aus machen.  Wer das kann, für den ist das natürlich auch ein Weg“, sagt Krauthausen.

Jede Einsatzkraft im Kreis Düren kann sich an das Nachsorge-Team wenden, um Gespräche zu führen. Meist aber rufen zum Beispiel die Einsatzleiter das EkNT an, weil sie und ihr Team Hilfe brauchen, bei bestimmten Einsatzstichworten wird das Team sofort von der Leitstelle mit alarmiert. Die Merzenicher Feuerwehr hat das Angebot beispielsweise genutzt, als die Einsatzkräfte plötzlich häufig mit tödlichen Unfällen auf der A4 konfrontiert waren.

„Bei den Freiwilligen Feuerwehren kommt als belastender Faktor häufig hinzu, dass sie  die Menschen kennen, denen sie bei Bränden oder Unfällen begegnen“, erklärt Krauthausen. Bei Hauptamtlern könne auch die langjährige  Erfahrung irgendwann für einen Schutzmechanismus sorgen, aber die Veränderung der Lebensumstände, etwa die Geburt eines Kindes, würden auch dann neue Perspektiven und neue Ängste hervorkommen lassen.

Jeden Tag, rund um die Uhr

Das EkNT besteht derzeit aus 15 Ehrenamtlern, die an jedem Tag im Jahr rund um die Uhr in Bereitschaft sind. Das EkNT arbeitet immer in zweier Teams. Diese setzen sich immer aus einer psychosozialen Fachkraft und einer Person zusammen, die selbst Einsatzerfahrung in Feuerwehr oder Rettungsdienst hat. Alle Ehrenamtler haben sich umfangreich fortgebildet.

Meistens setzen sich die Mitglieder des Nachsorge-Teams nach einem Einsatz im Feuerwehrgerätehaus  zusammen. „Das erste entlastende Nachgespräch sollte in den ersten 24 Stunden nach einem Einsatz stattfinden. Es nehmen die Teil, die sehr nah am Geschehen dran waren“, erklärt Dreyling.

„Wir sprechen dann über persönliche Eindrücke und Gefühle, thematisieren auch Selbstzweifel und die Frage: Haben wir alles Mögliche getan?“ Allerdings gehe es dabei nicht um eine Taktikanalyse. Dabei versucht das EkNT-Team  herauszufinden, ob eine Situation eine wirkliche Belastung darstellt oder ob es nur eine Momentaufnahme ist. Die Besprechung im Team soll den Zusammenhalt fördern und sie ist ein Türöffner für jene, die vielleicht noch einen größeren Gesprächsbedarf haben.

Bis zu 72 Stunden nach einem Einsatz findet dann eine weitere Teambesprechung statt. „Darin thematisieren wir, welche Bilder hängengeblieben sind. Gibt es ein Aufblitzen der Bilder? Es kommen auch Fragen auf: Wie wäre es, wenn Angehörige betroffen wären? Oder das eigene Kind?“ Alleine das Sprechen darüber, das Verständnisvolle zuhören, einige Ratschläge können da schon viel ausmachen.

„Prävention ist natürlich noch besser, als hinterher zu helfen“, sagt Krauthausen. Deswegen seien Schulungen des EkNT mittlerweile Teil der Grundausbildung, bei dem die Fachleute über die Auseinandersetzung mit Belastungen, Stress und Traumata sprechen.

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