Vossenack: Krefelder Figurentheater „Blaues Haus“ im Franziskus-Gymnasium

Vossenack: Krefelder Figurentheater „Blaues Haus“ im Franziskus-Gymnasium

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Doch mit ihrem Stück „Der Wal im Rhein“ ist es Stella Jabben und Volker Schrills vom Krefelder Figurentheater „Blaues Haus“ gelungen, eine wahrlich schöne Geschichte mit etwas dichterischer Freiheit noch spannender zu machen.

Von der Bühne des Franziskus-Gymnasiums aus nahmen die Jabben und Schrills ihre Zuschauer mit auf eine kurzweilige Zeitreise in die junge Bundesrepublik, die gerade den Höhepunkt des Wirtschaftswunders erlebte, als mitten im Duisburger Hafen ein weißer Wal auftauchte. Kein Aprilscherz, sondern eine ebenso wahre wie skurrile Geschichte, die Kern des Theaterstücks ist.

Als am 18. Mai 1966, 300 Kilometer vom Meer entfernt, bei Duisburg-Neuenkamp ein weißer Wal auftauchte, um Luft zu holen, kam der erste Medienrummel der deutschen Nachkriegsgeschichte in Fahrt. Nach Jahren der Entbehrung war so ein Beluga im Rhein schließlich ein Fingerzeig, ein Zeichen der Hoffnung, brachte es ein Schaulustiger am Hafenufer auf den Punkt. Doch wohin mit dem Wal, der in der damaligen Kloake „Rhein“ wohl keine allzu große Überlebenschance hatte?

Mittendrin im Rummel der unglaublichen „Walfahrt“ des einzelnen Belugas in der Inszenierung des „Blauen Hauses“: Der Hafenarbeiter Karl-Heinz, ein Ruhrpott-Bewohner wie aus dem Klischee-Bilderbuch, der den Wal als erster gesichtet hat und sofort zu Wirtin Ilse in seine Stammkneipe „Zum Rheinblick“ läuft, um die Polizei zu alarmieren. Dabei hat Karl-Heinz gerade ganz andere Sorgen, denn seine Ehefrau Ilse fühlt sich nicht ausreichend gewertschätzt und zieht es seit ein paar Tagen vor, lieber möglichst viele Familienmitglieder zu besuchen, als ihrem Mann das Mittagessen zu kochen.

An dieser Stelle mischen sich Dichtung und Wahrheit, denn die Kneipe „Zum Rheinblick“ und ihre Besucher sind überwiegend erfunden, rahmen aber vortrefflich die Geschichte ein, die immer wieder von nachgestellten Tagesschau-Berichten vorangetrieben wird.

Mit viel Liebe zum Detail ermöglichen Stella Jabben und Volker Schrills einen Rückblick in eine Zeit, die fast schon vergessen scheint — inklusive originalgetreuer Werbespots im Fernsehen, die heute schon fast wie Realsatire wirken, und einer ironischen Nachzeichnung der bürokratischen Abläufe in den Verwaltungsgebäuden. Oder hätten Sie auf Anhieb gewusst, wer für einen Wal im Hafenbecken zuständig ist? Reale Personen wie der Duisburger Zoodirektor Dr. Gewalt, der mit allen Mitteln versucht, den Wal für seinen Zoo zu fangen, oder erfundene Charaktere wie Reporter einer Lokalzeitung betreten die Kneipe, um einen Innenblick in ihre Gedanken zu ermöglichen.

Wirtin Ilse sorgt für trockene Kommentare und die notwendige Einordnung ins Zeitgeschehen. Die obskure Jagd auf den Wal hat begonnen — sie endet, wie im Sommer 1966, mit einem guten Ende: Der Wal schafft es nach einigen Irrungen und Wirrungen wieder zurück in die Freiheit, der Zoodirektor geht leer aus und Karl-Heinz schließt seine Gerda wieder in den Arm.

Kleine Besonderheit der Aufführung am Samstag: Ein zehn Jahre alter Bursche namens Wolfgang Mauritz schaffte es immer wieder in die nachgestellte Tagesschau. Ein besonderes Glückwunschtelegramm an den Leiter des Kloster-Kultur-Kellers Bruder Wolfgang Mauritz ofm, der am Wochenende seinen 60. Geburtstag gefeiert hat.

(sj)