Protestaktion „Ende-Gelände“ : Kohlegegner legen den Dürener Bahnhof lahm

Protestaktion „Ende-Gelände“ : Kohlegegner legen den Dürener Bahnhof lahm

Es ist 10.43 Uhr als der Sonderzug aus Prag über Dresden, Bitterfeld, Berlin und Hannover an Gleis vier am Bahnhof Düren ankommt.

Knapp 1000 Braunkohlegegner sind an die Rur gekommen, weil sie am Protestcamp der Anti-Braunkohlebewegung „Ende Gelände“ auf dem Gelände des „Neuen Hofes“ von Landwirt Heinz-Peter Bochröder und dessen Frau teilnehmen wollen.

Der Dürener Bahnhof war für mehrere Stunden gesperrt. Züge wurden an anderen Bahnhöfen zurückgehalten und konnten die Rurstadt nicht passieren. Die Reaktionen der Pendler waren gespalten. „Ich habe nichts gegen Protest“, sagte Peter Scheider, der zur Arbeit nach Köln wollte. „Aber bitte nicht auf Kosten der Allgemeinheit.“

Schon am frühen Morgen – die Ankunft des Zuges war zunächst für 7.30 Uhr angekündigt worden, verzögerte sich aber immer wieder, weil die Bahn unterwegs immer wieder angehalten und von Beamten der Bundespolizei kontrolliert worden war – waren diverse Hundertschaften der Polizei aus ganz Nordrhein-Westfalen mit zahlreichen Einsatzfahrzeugen vor Ort und riegelten den Bahnhof ab.

Die Polizei hatte schon vorher angekündigt, jeden einzelnen der Demonstranten auf gefährliche Gegenstände untersuchen zu lassen. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Kontrollen

Weil „Ende Gelände“ wiederholt angekündigt hatte, „Kohle-Infrastruktur rund um den Tagebau Hambach blockieren und damit für Klimagerechtigkeit und den sofortigen Kohleausstieg eintreten“ zu wollen und die Polizei mit Straftaten rechnete, sollten alle Passagiere des Sonderzuges kontrolliert werden. „Dagegen mussten wir vorgehen“, betonte ein Sprecher von „Ende Gelände“: „Es kann nicht sein, dass wir alle unter Generalverdacht gestellt werden.“ Obwohl man eigentlich gekommen sei, um für den Kohleausstieg zu kämpfen, würde man nun gezwungen, gegen die Polizeiwillkür zu kämpfen.

„Wir lassen uns aber von der Polizei nicht einschüchtern.“ Die Aktivisten weigerten sich, ihre Ausweise zu zeigen und stellten einen Eilantrag gegen die Kontrollen der Polizei beim Verwaltungsgericht Aachen und warteten in einer Art Sitzblockade vor dem Bahnhof auf eine Entscheidung des Gerichtes. Erst am frühen Nachmittag hat die Polizei mit den Kontrollen begonnen. Die Aktivisten machen sich auf den Weg zum Protestcamp an der Stockheimer Landstraße, wo sie bis morgen Abend campen werden.

Die knapp 1000 Braunkohlegegner wurden nach Verhandlungen mit der Bundespolizei aus dem Bahnhofsgebäude geführt und draußen in Schranken gehalten. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Die Aktivisten waren überwiegend junge Leute, aber auch Familien und Eltern mit Kleinkindern waren mit dem Sonderzug nach Düren gekommen. Schon im Zug hatte es ein Konzert und eine Lesung gegeben, draußen skandierten die Kohle-Gegner ihre Parolen („Keep it in the Ground, sinngemäß „Lasst die Kohle im Boden“) und sangen Protestlieder.

Auch im Protestcamp, sieben Kilometer weiter, stimmten sich die Mitstreiter auf den heutigen Tag ein. „Wir sind friedlich, was seid ihr?“, rief eine Gruppe einigen imaginären Polizisten entgegen. Vor den Augen von regionalen und internationalen Pressevertretern hatten sich rund 30 Aktivisten probehalber zu einer Sitzblockade zusammengeschlossen.

In ihren weißen Schutzanzügen, bedruckt mit dem „Ende Gelände“-Logo, saßen sie eng aneinander und demonstrierten, wie sie es den Polizisten möglichst schwer machen wollen, sich davontragen zu lassen. „Ihr müsst wie Spaghetti sein, keine Körperspannung haben, dann brauchen die Polizisten mehr Personal. Und die Aktion dauert länger“, erklärte ein Aktivist.

Auf dem Gelände des Protestcamps wurden derweil Workshops zum Durchlaufen einer Hundertschaft oder dem „Schwermachen“ im Falle einer Festnahme angeboten. Foto: ZVA/Welkener/Berners

Für die Teilnehmer gab es zahlreiche Trainings. Sie bekamen vermittelt, wie man eine Polizeibarrikade „durchfließen“ kann und worauf sie achten müssen, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. „Dass niemand verletzt wird, hat für uns oberste Priorität“, sagte eine Sprecherin und fügte an: „Von uns wird keine Eskalation ausgehen, aber wir lassen uns nicht aufhalten.“

Man muss auf dem großen Gelände lange suchen, um unter den rund 5000 Teilnehmern Menschen aus der Region zu finden. „Die Bewegung ist europäisch, nicht lokal“, kommentierte dies ein junger Mann.

Zuhause ist hier Heinz-Peter Bochröder, Betreiber des Demeterhofes an der Stockheimer Straße. Er sagte unserer Zeitung, dass die Wiese, auf der das Camp stattfindet, seiner Frau gehöre. Diese stehe seit längerem in Kontakt mit „Ende Gelände“. Das Camp sei in seinen Augen kein Anti-Protest, sondern eine Befürwortung des Kohleausstiegs. „Es ist gut, dass junge Menschen aus ganz Europa nach hier kommen, um gegen den Kohleausstieg zu protestieren“, sagte Bochröder. „Wir stellen ihnen den Platz zur Verfügung, den sie brauchen, um diesen Protest zu formulieren.“

Für die am Wochenende geplanten Aktionen sei „Ende Gelände“ allein verantwortlich. „Ich weiß nicht im Detail, was geplant ist, und sage ausdrücklich, dass ich gegen Gewalt bin. Ich sehe aber auch die Notwendigkeit eines sehr starken Protestes.“ Manchmal, ergänzt Bochröder, müsse man auch Aktionen, die man selbst nicht machen würde, in Kauf nehmen.“ Seine Kunden, ergänzt der Bio-Bauer, würden das Engagement seiner Frau unterschiedlich aufnehmen. „Wir bekommen viel Zustimmung, aber auch Kritik. Das war zu erwarten.“

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