Wissersheim: Kleinkunstreihe „Erato“: Kreative Schicksalsgemeinschaft

Wissersheim: Kleinkunstreihe „Erato“: Kreative Schicksalsgemeinschaft

Günter Thelen, Carmen-Marie Zens sowie Ute und Klaus Genschel sind das, was man eine Schicksalsgemeinschaft, vielleicht sogar eine Wahlfamilie nennen kann. Thelen ist Bildhauer und ganz sicher auch Lebenskünstler. Er hat den alten Wasserturm im Nörvenicher Ortsteil Wissersheim gekauft und zu seiner Wohnung samt Atelier umgebaut.

Ute Genschel ist Lehrerin für Biologie und Gesundheit, ihr Mann Klaus verdient sein Geld als Ingenieur. Carmen-Marie Zens, die in Wissersheim aufgewachsen ist, ist von Beruf Schauspielerin. Die Genschels, die in ihrer Freizeit leidenschaftlich Musik machen, haben irgendwann bei Günter Thelen eine Skulptur gekauft. Carmen-Marie Zens hat den Künstler gebeten, für das Grab ihrer Mutter einen Grabstein zu entwerfen. „Ich bin mit allen ins Gespräch gekommen“, sagt Günter Thelen. „Und ich habe festgestellt: Wir brauchen uns. Das habe ich einfach gespürt.“ Thelen, der in seinem Leben schon viele Gedichte geschrieben hat, suchte schon lange jemanden, der ihm seine Text vertont — mit Klaus Genschel war dieser Jemand gefunden.

Schnell entstand dann auch die Idee, die Gedichte, die vor allem von Liebe und Leidenschaft erzählen, einem größeren Publikum zu präsentieren. Ute Genschel und Carmen-Marie Zens, die beide singen, waren mit im Boot, die Gruppe „Erato“ geboren. „Erato“ war einst die Muse der Liebesdichtung, der Lyrik, des Gesanges und des Tanzes. Der Name passt perfekt zudem, was Günter Thelen, Ute und Klaus Genschel sowie Carmen-Marie Zens im Wissersheimer Wasserturm präsentieren.

Thelens Texte tragen so skurrile Titel wie „Mopsgedicht“, „Todeszellen“, „Froschlied“ und „Tango Gerda“. Es kann passieren, dass während eines Konzertes ein Plastik-Butterbrot durch den Wasserturm fliegt. Genau wie die Texte ist auch die Musik von Klaus Genschel schwungvoll, lebendig und witzig — gleichzeitig sollen die Lieder aber auch zum Nachdenken anregen. „Es gibt keine Schublade, wo unsere Lieder reinpassen“, sagt Klaus Genschel. „Es gibt Elemente von Jazz und Tango, aber keine festen Stilrichtungen. Für uns fühlen sich unsere Stücke an wie Kunstlieder.“

Es sei wichtig, ergänzt Ute Genschel, dass sie mit ihrer Art Musik eine Nische gefunden hätten. „Wir machen etwas Außergewöhnliches, etwas, dass es so bisher nicht gegeben hat. Das ist ein bisschen auch ein Abenteuer. ‚Erato‘ ist unser eigenes Label.“

Wunsch nach Kreativität

Im Oktober haben die Künstler mit ihren monatlichen Konzerten angefangen. Carmen-Marie Zens: „Ich habe schon das Gefühl, dass das, was wir machen, bei den Menschen gut ankommt.“ Die Zuschauer kämen längst nicht mehr nur aus Wissersheim oder der Region Düren. „Es gibt auch immer häufiger Besucher aus dem Erftkreis und dem Kölner Raum“, so Zens. Es ist der Künstlergruppe wichtig, mit den Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Klaus Genschel: „Das gelingt uns auch. Das Atelier von Günter Thelen ist nicht besonders groß, wir haben nur Platz für etwa 35 Leute. Die meisten bleiben nach der Vorstellung und es entwickeln sich wirklich gute Gespräche.“

Für Günter Thelen, der von sich selbst sagt, dass es schon immer seine große Leidenschaft gewesen sei, schöpferisch tätig zu sein, ist „Erato“ auch genau das: schöpferische Arbeit. „Hier kann ich mit meinen musischen Freunden kreativ sein. Wir sind absolut auf einer Wellenlänge und setzen die Dinge, die wir uns vornehmen, auch sehr schnell um. Das gefällt mir.“

Der Wunsch nach Kreativität, auch als Augleich zu ihren Berufen, ist das, was die Genschels antreibt. Für Carmen-Marie Zens ist die Arbeit mit „Erato“ vor allem eine „gute Art, Lebenszeit zu verbringen“. „Ich bin total dankbar dafür, dass wir uns gefunden haben“, sagt sie. „Für mich ist das ein bisschen mein Nest als Mensch.“ Oder eben ihre Wahlfamilie.

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