Düren: Kinder des Krieges und der Zeit danach erinnern sich

Düren: Kinder des Krieges und der Zeit danach erinnern sich

Plötzlich waren die Kriegserinnerungen wieder da. Katja Becker (heute 84) aus Düren hockte als Kind mit ihren Geschwistern gegen 7 Uhr morgens im Luftschutzbunker und hoffte, dass die Bombardements wieder aufhörten.

Ihre Geschwister hatten sich indessen in Kartoffelkisten zum Schlafen zusammengerollt. Die Mutter saß während der Angriffe 1944 auf Düren mit der ältesten Schwester in der Wohnung und beide versuchten, sich mit spielen abzulenken. Wenn Katja Becker noch heute Flugzeuge am Himmel hört, bekommt sie Angst. „Ich kann das Geräusch nicht ertragen“, sagt sie leise.

Katja Becker ist eine von insgesamt 92 Besuchern der Tagung zum Thema „Die vergessene Generation — Kriegserlebnisse und ihre Folgen“ im Kreishaus in Düren. „Mit knapp hundert Leuten haben wir gar nicht gerechnet“, sagt Gisela Gerdes, Vertreterin der Caritas im regionalen Arbeitskreis offene Altenarbeit.

Monica Seeger (87) ist gebürtig aus Berlin-Mitte. Die Hauptstadt wurde einige Jahre früher angegriffen als Düren. Mit ihrer Familie floh sie 1944 nach Sachsen. „Dort wurde ich in der Schule als Po- lackenweib beschimpft“, erzählt sie in kleiner Runde während der Pause. Gute Erinnerungen an die Zeit dort hat sie nicht. Als sie zwölf Jahre alt war, sah sie auf dem Weg zur Schule, wie SS-Männer jüdischen Jungen und Mädchen deportierten.

„Es gab beim damaligen Varieté Clou eine Sammelstelle für Juden. Wie alte Kartoffelsäcke wurden die Kinder auf den Wagen geworfen“, erinnert sich Monica Seeger. Seitdem Krieg in Syrien herrscht und Menschen von dort oder aus dem Irak, Afghanistan oder Afrika nach Europa und Deutschland fliehen, kann die Seniorin nachts nicht mehr gut schlafen und träumt wieder schlecht. „Es sind Bilder von früher. Bilder von Verschüttung, Schießerei und Verfolgung“, sagt sie.

Neben einem Impulsreferat von der Psychiaterin Sigrid Harrer-Lange (68) vom „Sozialpsychiatrischen Zentrum“ in Meckenheim, kommen die Senioren in kleinen Gruppen zusammen und vertiefen die Gespräche über ihre Kriegserfahrungen oder solche, die ihre Eltern gemacht haben. „Die Teilnehmer gehen Fragen auf den Grund wie: Wie habe ich den Krieg erlebt? Bin ich Kriegskind oder Kriegsenkel? Wurde über die traumatischen Ergebnisse in der Familie gesprochen? Wenn ja, mit wem? Wenn nicht, warum nicht?“, fasst Gisela Gerdes von der Caritas zusammen.

In den 50er und 60er Jahren war es einfach nicht üblich und politisch nicht gewollt, dass Männer und Frauen über ihre zum Teil sehr belastenden Erlebnisse gesprochen haben. „Erst mit den 68ern bekam das miteinander Reden und Diskutieren eine neue Dimension“, sagt Psychiaterin Sigrid Harrer-Lange. Sogar Kollegen aus der damaligen Zeit haben Betroffene des Ersten und Zweiten Weltkriegs aus medizinischer und psychologischer Sicht nicht beachtet.

Viele der teilnehmenden Senioren, die als Kinder mit ihrer Familie geflüchtet waren, wissen wie sich Flüchtlinge aus Syrien oder anderen Kriegsgebieten fühlen. „Früher wurden Flüchtlinge anderen Familien zwangszugewiesen. Natürlich haben sie dort auch Ablehnung erfahren, aber sie hatten Kontakt zu Leuten, sprachen dieselbe Sprache und konnten sich verständigen, integrieren. Heute haben es Flüchtlinge viel schwerer, Anschluss zu finden“, erklärt Gisela Gerdes.