Nideggen: Jugendliche reizen ihre Rechenkünste aus

Nideggen: Jugendliche reizen ihre Rechenkünste aus

Moderne Jugendherbergen sind immer anders als landläufige Klischees es besagen - zum Beispiel können sie richtige Zukunftswerkstätten sein. In Nideggen ist das ganz bestimmt der Fall.

22 Schüler, größtenteils aus Aachen und Vossenack, reizen beim „Computational and Mathematical Modelling Program” (CAMMP) der Technischen Hochschule Aachen ihre Rechenkünste bis zum Letzten aus.

Einige ihrer Lehrer sind zur Betreuung mitgekommen. Doktoranden der TH und Hochschullehrer wie Professor Dr. Martin Frank sorgen für den nötigen Anteil an Expertenwissen.

Seit dem frühen Sonntagabend waren die Schüler und ihre acht Betreuer (vier Lehrer, vier Doktoranden) beim CAMMP, der ersten Veranstaltung dieser Art, bis Freitag zusammen. Selbstverständlich erkundeten Jugendliche und Erwachsene ab und zu die Umgebung; auch ein Grillabend gehörte zum Programm.

Universitäres Niveau

Doch in der Hauptsache wurde getüftelt. Dabei ging es nicht um mehr oder weniger knifflige Aufgaben, so wie sie in jeder Klausur vorkommen. „Wir treiben hier keine Schulmathematik, sondern versuchen, die Schüler mehr oder weniger an ein universitäres Niveau heran zu führen”, erklärte Kai Krycki von der TH Aachen. Für Professor Frank, wie Diplom-Mathematiker Krycki einer der Profis in der modernen Jugendherberge, ist das Arbeiten mit den jungen Männern und Frauen aus den Jahrgangsstufen 11 und 12, gleichfalls alles Andere als nervig oder anstrengend - erstens, weil er solche Veranstaltung im Vorfeld eines Studiums geradezu als seine Aufgabe betrachtet und das CAMMP nicht zuletzt als gute Gelegenheit zur Gewinnung von Nachwuchs schätzt, und zweitens, weil er dabei manches überraschendes Erlebnis macht: „Viele betreiben Mathematik und wissen es nicht.”

Und so saßen von 9 Uhr bis in die Nacht hinein kleine Teams aus vier bis sechs Leuten in den blitzblanken Räumen der Anfang des Jahres eröffneten Herberge und tüftelten an Problemen, die auf den ersten Blick nicht so mathematisch scheinen, wie sie es tatsächlich sind. Zum Beispiel dem: In welchem Grad kippt man Spiegel und welche Fläche müssen sie haben, damit den anderen Spiegeln nicht das Licht genommen wird und ein solarthermisches Kraftwerk optimal die einstrahlende Sonne in Wärme verwandeln kann? Oder: Wie treibt der Golf spielende Mensch den Ball am geschicktesten ins Loch, wenn das Gelände gewellt ist und auch sonst voller Tücken stecht? Und: Kann der Mensch mit dem selben Barcode, der im Supermarkt den Preis einer Banane ausweist und ebenso zu einem Online-Ticket der Deutschen Bahn gehört, auch Musik speichern?

Fragen über Fragen - und die Antwort ergab sich jeweils aus dem aufs Detail bedachten Umgang mit komplexer Mathematik Schritt für Schritt sich zur Lösung voran zu tasten: Das machte für die Aachener Gymnasiasten Patrick Emonts und Alexandra Larina sowie ihren Mitstreiter Lukas Offermann, der in Vossenack zur Schule geht und im Simmerather Ortsteil Eicherscheid wohnt, den Reiz aus, tagelang eine Aufgabe zu drehen und zu wenden.

Ihren Lehrern Jutta Reinermann (Aachen) und Ulrich Carillo (Vossenack) war aber nicht nur das wichtig: „Das Soziale kommt nicht zu kurz”, betonten die Pädagogen. Seth Schmitz aus Aachen, Florian Kreitz (Vossenack) und Michael Kirstgen vom Hermann-Josef-Kolleg im Klosterdorf Steinfeld bei Kall gefiel das nicht minder. Aber stolz ist das Trio vor allem auf eine anderen Aspekt: „Wir haben unser Programm selbst geschrieben.” Was beim CAMMP zwar nicht die Hauptsache, aber immerhin ein höchst erwünschter Nebeneffekt ist.

Die Frustrationstoleranz

Gelernt haben die Teilnehmer aber noch etwas Anderes: Frustrationstoleranz auf dem langen Weg zur Lösung, eine Tugend, die auch Professor Frank schätzt, der das Trainingslager für helle Köpfe zusammen mit seinem Kollegen Achmed Ismail organisiert hat. Was den Verlauf der Tage in Nideggen betrifft, äußerte sich der Spezialist für Angewandte Mathematik hoch zufrieden.

Eine Neuauflage im kommenden Jahr kann sich der Wissenschaftler deshalb gut vorstellen - wobei er einen Standortwechsel, vielleicht sogar nach Belgien oder in die Niederlande, für möglich hält, auch wenn er und die Seinen sich beim Team der funkelnagelneuen Nideggener Herberge gut aufgehoben fühlt. Und wer weiß: Falls sich das nächste CAMMP wieder so gut wie die Premiere in der Rureifel anlässt, soll es sogar zwei Mal pro Jahr stattfinden.

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