Jahresbericht 2018 der Schuldnerberatungsstellen im Kreis Düren

Bericht der Schuldnerberatungsstellen im Kreis Düren : Die Einkommensschere klafft auseinander

Die Einkommensschere in der Gesellschaft klafft weiter auseinander. Menschen mit geringen Einkommen werden im digitalen Zeitalter stärker abgehängt als vorher. Diese Entwicklung betrifft nicht nur Empfänger von staatlichen Leistungen, sondern zunehmend auch Erwerbstätige im Niedriglohnsektor. Das sind wesentliche Botschaften der Schuldnerberatungsstellen Düren und Jülich in ihrem Jahresbericht 2018.

Bei denen, die wenig haben, sei das Einkommen in den vergangenen 30 Jahren real gesunken, zitierte Dagmar Becker statistische Erhebungen, die sich inzwischen auch verstärkt in den beiden Schuldnerberatungsstellen im Kreis bemerkbar machen. Die Einrichtungen werden vom Diakonischen Werk des Kirchenkreises Jülich und der Evangelischen Gemeinde zu Düren getragen und erhalten Zuschüsse unter anderem vom Kreis Düren, um ihre Arbeit zu verrichten. 1669 Beratungsfälle gab es im Jahr 2018, davon 833 Neuaufnahmen. 577 seien mit dem Ziel einer Verbraucherinsolvenz geführt worden.

Die faktische Zahl der Verbraucherinsolvenzen ist niedriger und mit 186 erstmals seit drei Jahren wieder gestiegen, sagte Beraterin Lisanne Kappler. Sie ist vom Höchststand der vergangenen zehn Jahre (305) aber noch deutlich entfernt. Den Rückgang sieht Dagmar Becker auch in der Möglichkeit begründet, den das Pfändungsschutzkonto seit Sommer 2017 bietet und der Schuldnern wie Gläubigern zugute kommen kann. Jedenfalls nimmt die Beratung in Sachen „P-Konto“ inzwischen breiten Raum in der Arbeit der Beratungsstellen ein.

Eine Zahl aus dem Jahresbericht kennzeichnet die Situation im Kreis Düren: Mit einer Überschuldungsquote von knapp 12 Prozent liegt die Region zwischen Heimbach und Titz sowohl über dem Bundes- (11,5) als auch dem Landesdurchschnitt (11,7). Etwa die Hälfte der Ratsuchenden befindet sich in der Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren, allerdings verzeichnen die Schuldnerberater Zuwächse bei den jüngeren Menschen unter 30.

Jahresbericht der Schuldnerberatungsstellen 2018: Dagmar Becker (v.r.), Claudia Ritter, Lisanne Kappler und Daniela Erne warnen vor den Herausforderungen im digitalen Zeitalter für Einkommensschwache. Foto: Volker Uerlings

Die Digitalisierung stellt für einkommensschwache Haushalte mit „verletzlichen Verbrauchern“ nach der Überzeugung und Erfahrung der Beraterinnen eine zunehmende Belastung dar. Bei der Präsentation des Jahresberichts sagte Pfarrer Martin Gevaert: „Sie befinden sich im Netz immer auf einem digitalen Marktplatz und sind ununterbrochen auf einer Shopping-Mall unterwegs.“ Die virtuelle Welt mache ihnen deutlich, wovon sie ausgeschlossen sind, „und das erzeugt wahrscheinlich Dauerfrust“. Gleichzeitig ist das Netz für sie als kostenlose Informationsquelle generell und bei der Suche nach Arbeit speziell von größter Bedeutung.

Es sind in der Hauptsache natürlich die im Netz inzwischen auch auf die Nutzer zugeschnittenen Verlockungen, die eine Gefahr darstellen, aber das Problem greift laut Dagmar Becker noch früher, denn zunächst müssen sich Menschen im Leistungsbezug oder mit geringen Verdiensten erst einmal Endgeräte leisten können und über Verträge den Zugang zum worldwide web erhalten.

Noch größere Probleme entstehen, wenn die Technik (Smartphone oder PC) kaputt ist. Wer dazu finanziell nicht in der Lage ist, bleibt außen vor – oder muss sich Geld leihen. Das gilt natürlich analog auch für defekte Großgeräte, auf die Familien angewiesen sind wie Kühlschrank und Waschmaschine. Dagmar Becker benannte Fälle, in denen Leistungsbezieher sich das Geld vorschießen lassen und dann bei drei Geräten drei Mal zehn Prozent ihres Regelsatzes aufwenden, um es zurückzuzahlen. Außerhalb dieser Möglichkeit sind es Ratenkredite, die eine Option bieten, aber auch die Gefahr bergen, den Überblick zu verlieren. Gleiches gilt für den bargeldlosen und damit digitalen Zahlungsverkehr mit oft zahlreichen Kleinbeträgen, die aus dem Auge verloren werden.

In Summe kommt es oft zu Überschuldungen. Bei betroffenen Menschen und Familien könne von der „Einschränkung von Überfluss“ ohnehin keine Rede sein, unmittelbare Folge ist eine Situation, die sie an vielen Bereichen des „normalen“ Lebens nicht mehr teilhaben lässt.

Die Fachleute der Diakonie stellen klare Forderungen auf: Die Regelsätze für Leistungsbezieher müssten erhöht und angepasst werden. Die inzwischen höheren Kosten des Wohnens, des Energieverbrauchs, aber auch die Notwendigkeiten der Informationstechnologie oder des bargeldlosen Zahlungsverkehrs seien nicht eingearbeitet.

Und sie setzen ihrerseits auf frühe Prävention. Claudia Ritter informierte am Mittwoch, dass ein Team aus Ehrenamtlichen im vergangenen Jahr 553 Schüler(-innen), 235 Vorschulkinder und 60 junge Erwachsene altersgerecht über Finanzen und Konsumerziehung informiert habe. Das Angebot stoße bei jungen Leuten auf großes Interesse.

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